Fußball Lexikon

Torlinientechnik

Am 18. Oktober 2013 köpfte der Leverkusener Stürmer Stefan Kießling im Bundesligaspiel bei der TSG Hoffenheim aufs Tor. Obwohl der Ball am Außennetz landete, lag er Augenblicke später im Kasten. Schuld daran war ein Loch im Netz. Der Schiedsrichter der Partie, Felix Brych, entschied auf einen korrekten Treffer, der anschließende Einspruch von Hoffenheim wurde vom DFB-Sportgericht abgewiesen. Der irreguläre Treffer entfachte erneut die Diskussion um die Einführung der Torlinientechnik in Deutschland.

Wie die Torlinientechnik funktioniert

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, zu überwachen, ob der Ball die Torlinie überquert hat: per Funk oder per Kamera. Bei ersterer Variante wird in Tornähe ein schwaches Magnetfeld aufgebaut, das exakt erkennt, wo sich das Spielgerät, in das ein Chip eingebaut ist, befindet. Überquert es die Torlinie, wird ein Signal an die Armbanduhr des Schiedsrichters geschickt. Die führenden Systeme sind GoalRef™, das vom Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen entwickelt wurde, und die Technologie Cairos von der gleichnamigen deutschen Firma. Ein anderer Ansatz ist, den Torraum mit mehreren Hochgeschwindigkeitskameras zu überwachen. Die zusammengefügten Bilder ermöglichen es, die Position des Balles zu ermitteln. Es konkurrieren zwei Systeme miteinander, nämlich Hawk-Eye und Goal Control. Während Hawk-Eye bei der Club-Weltmeisterschaft im Jahr 2012 von der FIFA getestet wurde, kam GoalControl ein Jahr später beim gleichen Wettbewerb zum Einsatz.

Vor- und Nachteile beider Systeme

Der große Vorteil der Torlinientechnologie per Chip liegt darin, dass sie unabhängig vom Wetter funktioniert. Da die Übertragung der ermittelten Positionsdaten per Funk passiert, kann das System auch im Nebel und bei starkem Regen oder Schnee eingesetzt werden. Zudem treten aus dem gleichen Grund keine Fehler auf, wenn einer oder mehrere Spieler im Blickfeld stehen. Darin liegt nämlich der Nachteil der Überwachung mit Kameras: Das Spielgerät darf nicht verdeckt sein. Zwar sind je nach System etwa 7 Kameras aus verschiedenen Blickwinkeln auf die beiden Torräume gerichtet, aber in bestimmten Situationen kann es durchaus vorkommen, dass die Technologie nicht zuverlässig funktioniert. Zudem sind Hawk-Eye und CoalControl sehr viel teurer als die Überwachung per Funk. Auf der anderen Seite können GoalRef und Cairos nur mit dafür geeigneten Bällen verwendet werden, während die Systeme, die auf Kameras setzen, mit jeder Art von Ball funktionieren.

Der deutsche Fußball stimmt über die Torlinientechnik ab

Im März 2014 führte die Deutsche Fußball Liga unter den 36 Vereinen der 1. und der 2. Bundesliga ein Votum darüber durch, ob die Torlinientechnologie in den beiden obersten deutschen Spielklassen eingeführt werden soll. Nur 12 Clubs stimmten dafür, die Mehrheit jedoch brachte Bedenken gegenüber der Technologie zum Ausdruck. Der vermutete Grund für die große Anzahl an Ablehnungen waren die hohen Kosten, die mit der Einführung des Systems verbunden waren. Die geschätzten Aufwendungen pro Verein in Höhe von etwa 170.000 Euro schreckten wohl vor allem kleinere Clubs der 2. Bundesliga ab. Ein weiterer Faktor für die Ablehnung war wohl auch das Traditionsbewusstsein mancher Clubs, die gern an der Tatsachenentscheidung durch den Schiedsrichter festhalten wollten. Somit bleibt die englische Premier League, die die Torlinientechnik Hawk-Eye in der Saison 2013/2014 eingeführt hat, bis auf weiteres die einzige Liga der Welt, die auf ein solches System setzt.

Dortmunder Nachteil wegen fehlender Torlinientechnik

Im DFB-Pokalfinale der Saison 2014 zwischen Borussia Dortmund und Bayern München köpfte der Dortmunder Mats Hummels in der 64. Minute beim Stand von 0:0 aufs Tor der Bayern. Der Münchner Dante schoss den Ball von der Linie, seine Beinposition und nachträgliche Videoanalysen zeigten, dass das Spielgerät die Torlinie vollständig überquert hatte. Dennoch gab Schiedsrichter Florian Meyer den Treffer nicht, das Spiel ging in die Verlängerung, die Bayern gewannen es mit 2:0. In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem angeführt, dass der DFB, der den Pokal durchführt, nicht an das Votum der DFL gebunden war und die Torlinientechnik eigenmächtig hätte einsetzen können. Zudem handelte es sich um ein relevantes Spiel, bei dem es um einen Titel ging. Bayern München setzte sich für eine erneute Abstimmung über die Technologie ein, diesmal allerdings ausschließlich unter den Vereinen der Bundesliga. Zudem stellte der DFB in Aussicht, auch im Pokal ab dem Viertelfinale die Torlinien überwachen zu lassen.

Die Torlinientechnik feiert Premiere bei der Weltmeisterschaft


Quelle: RatgeberTVcom

Während des Confederations Cups 2013 testete die FIFA ein System, das GoalControl und GoalRef, also Funk und Kameraüberwachung miteinander kombinierte. Für die WM 2014 in Brasilien entschied sich der Weltverband dafür, ausschließlich auf GoalControl zu setzen. Im Vorrundenspiel am 15. Juni zwischen Frankreich und Honduras zeigte die Technologie in einer strittigen Situation ein Tor an, das der Schiedsrichter Sandro Ricci letztlich auch als 2:0 für die Franzosen gab.

Weiterführende Links zur Torlinientechnik

 

Bildquelle:

Torlinientechnik (Fußball Lexikon): © Ruben Nitsche | (CC BY-NC-SA 2).