Und nebenbei Fußball
Doreen Nabwire Omondi war Weltmeisterin im Straßenfußball und spielte bei den deutschen Proficlubs Werder Bremen und dem 1.FC Köln. Die sozial engagierte Ausnahmesportlerin leitet in Nairobi die NGO Girls Unlimited und plant eine Fußballakademie für Mädchen © Doreen Nabwire Omondi
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Warum die Straße ein wichtiger Lernort ist und Mädchen nicht zu Hause bleiben sollten

Ein Gastbeitrag von Doreen Nabwire Omondi


Die Kinder der Slums sind die Stars des Straßenfußballs. Je härter der Alltag, um so fieberhafter wird gegen alles gekickt, was sich als Ball benutzen lässt. Das Spiel ist ihre Flucht aus der Realität. Auch ich habe auf diesem Weg, mit gerade einmal acht Jahren, meine Liebe zum Fußball entdeckt. Doch der Sport ist für die jungen Menschen in den Elendsvierteln Nairobi’s auch noch aus einem ganz anderen Grund unverzichtbar. Im Gegensatz zu Deutschland, können viele Kinder in Kenia sowohl die Schule als auch außerschulische Aktivitäten nur sporadisch besuchen. Das macht die Straße zum zentralen Lernort. Ich hatte damals das Glück, dass die Mathare Youth Sports Association (MYSA) recht schnell auf mein Talent aufmerksam wurde und mich unmittelbar in zahlreiche Aktivitäten einbezog. Zunächst als Schülerin, später als Trainerin. Mit neunzehn Jahren gewann ich schließlich mit meinem Team in Berlin die Weltmeisterschaft im Straßenfußball und wurde später von deutschen und niederländischen Clubs unter Vertrag genommen. Aus dieser Zeit stammt meine Motivation, das Leben von Kindern durch den Sport nachhaltig zu verändern und dabei auch immer wieder die Straße als Lernort einzubeziehen.

Während meiner Verpflichtung in Deutschland, habe ich mich bei Sportinitiativen wie der RheinFlanke und dem DJK Sportverband engagiert. Dabei ist mir klar geworden, wie grundlegend verschieden die Herausforderungen für die Unterstützung der sozial Schwächsten in den beiden Ländern sind. In Deutschland wird das soziale Engagement vergleichsweise gut durch die öffentliche Hand, kirchliche Einrichtungen, Stiftungen, Unternehmen und Einzelpersonen im gesamten Bundesgebiet gefördert. Damit ist schon einmal die wichtige Voraussetzung erfüllt, dass auch Kinder aus ärmeren Gegenden grundsätzlich Zugang zu solchen Angeboten haben. Demgegenüber erscheinen mir die Slums Kenia’s wie eine soziale Wüste. Die Slumbewohner sind völlig auf sich allein gestellt und vom täglichen Kampf gegen Krankheiten, Kriminalität und Gesetzlosigkeit gezeichnet. Dass dieses Leben kaum zu ertragen ist, weiß ich aus eigener Erfahrung. Doch die Kinder, die hier geboren werden, kennen nichts anderes. Ihre Eltern sind häufig Alkohol abhängig und aus dem Wunsch heraus Depression, Krankheit, Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit und der Hoffnungslosigkeit ihrer Situation zu entfliehen, erliegen auch sie der Sucht. Die Art und Weise, mit der die Slumbewohner ihr Leben allen Widrigkeiten zum Trotz bestreiten, ist allerdings bemerkenswert. Bei meiner Arbeit wird mir immer wieder von neuem bewusst, wie wichtig es ist, denjenigen Kindern Bildung und Hoffnung zu bringen, die sich unverschuldet am Rande der Gesellschaft befinden.

Girls Unlimited nutzen Trainingspausen, um den Kindern Wissen zu vermitteln @ Girls Unlimited

Fußball als das Mittel zum Zweck. Girls Unlimited ist gezielt in den Elendsviertel Nairobi’s aktiv, um dort Schülerinnen und Schülern über den Sport wichtige Fähigkeiten zu vermitteln © Girls Unlimited

Im Gegensatz zu den deutschen Fußballclubs, die sich in ihrem Umfeld geradezu vorbildlich im sozialen Bereich engagieren, sind die kenianischen Clubs weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Es ist nicht unüblich, dass Clubs mit den Spielergehältern drei Monate im Rückstand sind und wer nicht einmal seine Spieler bezahlen kann, wird auch der Gesellschaft nichts zurückgeben können. Gleichermaßen haben viele NGOs angesichts der hiesigen Rahmenbedingungen, Schwierigkeiten ihre Ziele nachhaltig zu verfolgen. Einigen NGOs fehlt auch einfach der nötige Weitblick oder die Kreativität was das Sponsoring betrifft. Selbst so großen Organisationen wie MYSA macht das zu schaffen, was sich in ihrem Programm bemerkbar macht. Meine junge Organisation Girls Unlimited steht hinsichtlich der Finanzierung noch am Anfang und viele unserer Aktivitäten leisten wir notgedrungen ehrenamtlich. Aber wir haben bereits erfolgreich Kooperationen mit unter anderem Werder Bremen und der Stadt Köln auf die Beine gestellt, die sehr gut angenommen wurden.

Vor dem Hintergrund der an sich schon schwierigen finanziellen Lage im kenianischen Fußball ist der Frauenfußball ein täglicher Überlebenskampf. Auch in Deutschland haben es selbst die Nationalspielerinnen nicht gerade leicht und es ist ein ewiges Thema Berufe zu finden, die mit dem Spiel in Einklang gebracht werden können. In Kenia sind die Probleme jedoch weitaus gravierender. Dort, wo weder kontinuierlich ausgetragene Fußballturniere noch die dafür notwendigen Strukturen vorhanden sind, gibt es keinerlei Ambitionen den Frauenfußball auch nur ansatzweise zu unterstützen. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, den Kontakt zu den Spielerinnen nicht nur über NGOs aufbauen zu lassen, sondern auch zu halten. In einem Land wie Kenia, in dem immer wieder Stammesfehden aufflammen, kommt den Frauen in den Slums eine zentrale Rolle in der Friedensarbeit zu. Darüber hinaus ist es gerade in den Elendvierteln ungleich schwerer die Mädchen zu erreichen. Mädchen müssen oft zu Hause bleiben, um auf die jüngeren Geschwister aufzupassen, während die vielfach alleinerziehenden Mütter einer Arbeit nachgehen. Auf diese Weise bleibt ihnen der Zugang zu außerschulischen Aktivitäten wie dem Sport und damit der Zugang zu Selbstvertrauen, Anerkennung und Wissen versagt. Ein wenig hat sich das zu meiner Zeit geändert, nachdem zwei herausragende Fußballspielerinnen und langjährige MYSA-Unterstützerinnen aus Norwegen im Slum Gruppentrainings übernahmen. Das war zwar nur ein kleiner Impuls, aber danach stieg die Teilnahme der Mädchen zumindest etwas an. Trotz der Unterstützung auch seitens der FIFA, die für den Frauenfußball in der Öffentlichkeit wirbt, sehen sich heute viele der jungen, vielversprechenden Sportlerinnen in frühe Ehen oder die Kriminalität gezwungen.

Diese Lücke möchte ich künftig mit der Girls Unlimited Soccer Academy schließen. Unser Ziel ist es, in Partnerschaft mit den Schulen vor Ort, acht regionale Ausbildungsstätten aufzubauen, in denen speziell Mädchen über den Fußball gefördert werden. Im Fokus des Mentorings steht nicht nur die körperliche Betätigung und Wissensvermittlung, sondern auch die Förderung des sozialen Miteinanders und wichtiger Soft Skills. Auf lange Sicht wollen wir die Mädchen und jungen Frauen stärken, damit sie den Herausforderungen des Lebens gewachsen sind. Das betrifft auch die Befähigung zu aussichtsreichen beruflichen Tätigkeiten. Die Trainerinnen und Mentorinnen werden entsprechend ausgebildet und betreut. Ein weiteres Projekt, das sich im Rahmen der Fußballakademie in der Pilotphase befindet, ist die regelmäßige Durchführung von Workshops zum Thema Wasser. Die Kinder sollen besonders in den Bereichen Müllentsorgung, Hygiene und dem nachhaltigen Umgang mit Trinkwasser geschult werden.

Girls Unlimited nutzen Trainingspausen, um den Kindern Wissen zu vermitteln © Girls Unlimited

Die Trainerinnen von Girls Unlimited nutzen die ungeteilte Aufmerksamkeit während der Spielpausen, um Wissen zu vermitteln © Girls Unlimited

Die Organisation, Disziplin und Beständigkeit des deutschen Fußballs hat mich immer inspiriert und ich habe für meine Arbeit in Nairobi viele Impulse aus Deutschland mitgenommen. Auch der deutsche Fußball kann von einem Perspektivwechsel profitieren. Was ich mir hier insbesondere seitens der deutschen Clubs wünsche, sind Austauschprogramme und Partnerschaften mit kenianischen Clubs. Ein auf diesem Gebiet erfolgreiches Projekt ist beispielsweise die – leider noch nicht in Kenia aktive – Football Club Social Alliance der Scort Foundation. Die Mitgliederclubs FC Basel 1893, Werder Bremen, Bayer 04 Leverkusen, FK Austria Wien und Queens Park Rangers F.C. trainieren junge Talente vor Ort und bilden sie innerhalb eines Jahres zu Trainern aus. Die Ausbildung geht dabei über die fußballerischen Kompetenzen weit hinaus und fördert gleichermaßen soziale Fähigkeiten im Spiel wie grundlegende Life Skills und friedensbildende Maßnahmen.

Genau das sind unsere Pläne für die Girls Unlimited Soccer Academy. Fußball kann vielleicht nicht den Lauf der Welt verändern, aber er kann vielen Menschen eine neue Perspektive ermöglichen.

 


© Doreen Nabwire Omondi

Die kenianische Fußball-Nationalspielerin Doreen Nabwire Omondi bringt Mädchen und Jungen nicht nur Fußball bei, sondern bereitet die Kinder aufs Leben vor.

Über Doreen Nabwire Omondi

Die aus Nairobi stammende Fußballerin (Jahrgang 1987) kickt seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr erfolgreich für die Frauen-Nationalmannschaft Kenias. Aufgewachsen im Slum, hat sich die Kenianerin ihren beruflichen Lebensweg hart erkämpft und gilt heute vielen Kindern als Vorbild. Doreen Nabwire Omondi, genannt Dodo, spielt bereits mit zehn Jahren in dem Fußballclub “Mathare Youth Sports Association” und engagiert sich innerhalb der Organisation früh als Trainerin und Teamleiterin für Aids-Prävention. Im Jahr 2001 debütiert sie in der kenianischen Jugendnationalmannschaft bei einem Freundschaftsspiel gegen Äthiopien und wird später Mannschaftskapitän. Mit ihrem Team von MYSA gewinnt die talentierte Fußballerin 2006 die Straßenfußball-Weltmeisterschaft in Berlin und wird im darauffolgenden Jahr FIFA-Botschafterin “Football for Hope”. Sie gründet das soziale Sportprojekt Girls Unlimited und arbeitet zwischen 2006-2008 als Jugendtrainerin an der Deutschen Schule Nairobi. Im Jahr 2009 steht Doreen Nabwire Omondi als erste afrikanische Fußballerin bei Werder Bremen unter Vertrag. Darauf folgen Engagements beim niederländischen Erstligisten FC Zwolle und beim 1.FC Köln. Das internationale Fußballfilmfestival 11 mm in Berlin zeigt 2009 mit “Zwischen Wellblech und Weltbühne” einen Filmbeitrag von Herbert Ostwald über das Leben von Doreen Nabwire Omondi. Mit dem Journalisten Herbert Ostwald, der selbst einige Jahre in Nairobi lebte, bringt sie anschließend ein Buch über ihr bewegtes Leben und ihren ungewöhnlichen Werdegang heraus. Doreen Nabwire Omondi ist lizensierte UEFA Trainerin und baut, neben ihrer Initiative Girls Unlimited, in Nairobi eine Fußball-Akademie für Mädchen auf.

Weiterführende Links zu Doreen Nabwire Omondi

Buchveröffentlichung von Doreen Nabwire Omondi

Traumpass: Mein Weg aus den Slums von Nairobi auf die Fußballplätze EuropasGemeinsam mit dem Journalisten Herbert Ostwald erzählt Doreen Nabwire Omondi in ihrer 2011 erschienenen Autobiografie vom Leben in Armut, von Bürgerkrieg und Stammesdünkel, von Frauen und ihren Rollen, von der Geburt ihres Sohnes und wie sie es geschafft hat, eine gefragte Fußballerin in Europa zu werden. Das Buch über ihr Leben: Traumpass: Mein Weg aus den Slums von Nairobi auf die Fußballplätze Europas.