Anpfiff ins Leben – Perspektiven für die Zukunft
Stefanie Kunzelnick, Anpfiff ins Leben e.V. © Anpfiff ins Leben e.V.
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Nachhaltigkeit im Fußball Redakteurin Susanne Blech im Interview mit Stefanie Kunzelnick vom Jugendförderverein Anpfiff ins Leben e.V.


Nachhaltigkeit im Fußball (NIF): Frau Kunzelnick, „Anpfiff ins Leben e.V.“ engagiert sich seit dem Jahr 2001 erfolgreich jenseits des Spielfeldes. Der Jugendförderverein gilt auf dem Gebiet ganzheitlicher Nachwuchsförderung und integrativer Sport-Projekte als Vorreiter. Was ist das zentrale Anliegen von “Anpfiff ins Leben”?

Stefanie Kunzelnick: „Anpfiff ins Leben“ unterstützt junge Sportler und Sportlerinnen dabei, sich bestmögliche Perspektiven für ihre private und berufliche Zukunft zu schaffen. Werte für eine ganzheitliche Form der Persönlichkeitsentwicklung vermitteln wir – als gemeinnütziger Verein – über den Sport, aber nicht ausschließlich. Natürlich freuen wir uns darüber, wenn aus der Förderung von „Anpfiff ins Leben“ Talente hervorgehen, die im Profisport zu Hause sind. Da jedoch nur ein Bruchteil der geförderten Kinder und Jugendlichen damit später den Lebensunterhalt bestreiten kann, liegt unser Fokus auf einer ganzheitlichen Ausbildung. „Anpfiff” lenkt dazu den Blick der aktuell mehr als 3.200 Jungen und Mädchen, die Mitglied in unseren Partnersportvereinen (zum Beispiel bei der TSG 1899 Hoffenheim, SV Waldhof-Mannheim, FC-Astoria Walldorf) sind, bewusst über das Spielfeld hinaus.

Sie werden im doppelten Sinn des Wortes „fit gemacht“ fürs Leben: Die Bandbreite der Förderung ist individuell unterschiedlich und reicht unter anderem von der täglichen Hausaufgabenbetreuung über berufliche Orientierungskurse bis hin zu sozialen Aktivitäten, in die wir unsere Jugendlichen gezielt einbinden. Hier geht es um die Entwicklung von sozialer Kompetenz, Fairplay-Verhalten, Teamgeist und Aufgeschlossenheit gegenüber kranken und benachteiligten Menschen. Dazu zählt auch, dass wir Chancengleichheit vorleben – und zwar unabhängig von der sozialen Herkunft und den individuellen Talenten im Sport.

NIF: Aus welcher Initiative heraus ist Ihr Verein entstanden und wofür steht „Anpfiff ins Leben“ heute?

Stefanie Kunzelnick: Als Jugendleiter bei der TSG 1899 Hoffenheim verfolgte Anton Nagl bereits im Jahr 2000 den Ansatz, Kinder und Jugendliche über den Sport hinaus zu fördern. Hansi Flick unterstützte schon damals als Cheftrainer der TSG 1899 Hoffenheim seine Idee. Unser Mäzen Dietmar Hopp förderte persönlich die weitere Konzeptentwicklung. 2001 gab es eine öffentliche Präsentation in Anwesenheit von Dietmar Hopp, Jürgen Klinsmann und zahlreichen Vertretern von Sportclubs der Region. Allen war danach klar: Anpfiff ins Leben e.V. war offiziell geboren, denn das Konzept ist innovativ und traf schon damals genau den Nerv der Zeit!

Auch heute dürfen wir uns über die weiterhin bestehende Vorreiterrolle freuen. Beispielsweise wurden wir von der Europäischen Union für unser innovatives, auf Chancengleichheit ausgerichtetes, Förderkonzept ausgezeichnet.

Dass sich aus der anfänglichen Idee, die Anton Nagl als 1. Vorsitzender von Anpfiff ins Leben e.V. weiter aktiv begleitet, viel Positives entwickelt hat, zeigt das Leistungsspektrum unseres Vereins exemplarisch. Heute decken wir Themen, wie zum Beispiel die „Berufsorientierung und Vorbereitung auf die Karriere nach dem Sport“ ebenso ab, wie gezielte sozialpädagogische Beratungen für Eltern, Inklusionsangebote, Cybermobbing, Ernährungsberatung, Bewegungs- und Haltungsanalysen, aber auch Fortbildungsangebote für Jugendtrainer unserer Partnervereine.

NIF: Im deutschen Profifußball ist die Nachwuchsförderung Bestandteil des jährlichen Lizensierungsverfahrens. Annähernd 80 Mio. Euro gaben die 18 Bundesliga Clubs 2012/2013 für ihre Nachwuchsförderung aus. Welche Fußball-Clubs haben sich dem Thema aus Ihrer Sicht bereits ganzheitlich verschrieben und gelten auf diesem Gebiet als vorbildlich?

Stefanie Kunzelnick: Wir stellen fest, dass die meisten Bundesligisten einen Schritt nach vorne gemacht haben. Die Nachwuchsförderung besitzt heute einen höheren, wenn auch weiter ausbaufähigen, Stellenwert.

So ist beispielsweise im Anforderungsprofil von Nachwuchsleistungszentren die Vorbereitung auf ein Leben nach der Karriere – oder zur Absicherung im Falle von Verletzungen – leider noch kein Kriterium. Berufliche Perspektiven, sprich der Aufbau eines zweiten Standbeines neben dem Fußball, werden im Alltag der Leistungszentren meist gar nicht oder nur ungenügend berücksichtigt.

In Kooperation mit Anpfiff ins Leben e.V. setzt die achtzehn99 Akademie – nach unserer Einschätzung – hier weiterhin die Standards für den Bundesliganachwuchs.

Gemeinsam mit der TSG 1899 Hoffenheim hat „Anpfiff ins Leben“ bereits früh regionale Eliteschulen des Fußballs etabliert. Allein am Standort Sinsheim befinden sich derzeit fünf Eliteschulen. Nirgendwo sonst gibt es – als gemeinsames Verdienst – so viele unterschiedliche Schulformen im Eliteschulverbund. Die Auszeichnung durch den Deutschen Fußball-Bund ist wichtig, um hier talentierte Leistungssportler beim Spagat zwischen Sport und Schule gezielt zu unterstützen.

Hier sehen wir uns mit dem ganzheitlichen Ansatz unserer Förderung in der Verantwortung. Schon früh werden die Jungen und Mädchen bei „Anpfiff ins Leben“ in einen Berufsorientierungsprozess eingebunden. Mit Praktika und Coaching entwickeln sie eigene Ideen für das „Danach“. So verstanden ist die Bewusstseinsschärfung für ein – manchmal sehr plötzliches – Karriereende ebenso Teil der Förderung wie die Stärkung von sozialen Kompetenzen.

NIF: Warum stellt ein Jugendförderverein wie „Anpfiff ins Leben” für viele Sportvereine eine notwendige Ergänzung dar?

Stefanie Kunzelnick: Ganz klar geht mit der Etablierung der Idee von „Anpfiff“ auch eine gesellschaftliche Verantwortung einher. Sport als Schlüssel für Bildung, für Gesundheit und für ein positives Miteinander schafft (Mehr)Werte für eine, unbedingt notwendige, nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft.

Die gesellschaftliche Entwicklung verändert heutzutage viele Vereinsstrukturen. Bindung geht verloren, die Bereitschaft zum Ehrenamt schwindet. Die Chance einer ganzheitlichen Jugendförderung liegt darin, den Nachwuchs – parallel zur Persönlichkeitsentwicklung – in den Verein zu integrieren.

Dass mit einem innovativen und modernen Vereinskonzept auch vielfältige neue Unterstützer gefunden werden können, belegt die Erfahrung unserer Partnervereine beispielhaft.

NIF: Welche Bundesligaspieler können bereits auf eine Unterstützung durch Ihren Verein zurückblicken?

Stefanie Kunzelnick: Es gibt bereits eine ganze Reihe junger Spieler, die mit Unterstützung von „Anpfiff ins Leben“ den Doppelerfolg in Schule und Sport erfolgreich gemeistert haben. Prominente Beispiele, die als zentralen Schritt auf dem Weg zum sportlichen Erfolg ihren Schulabschluss erfolgreich mit uns vorbereitet und/oder absolviert haben, sind unter anderem: Jonas Hofmann (von der TSG 1899 Hoffenheim zu Borussia Dortmund), Hakan Cahlanoglu (vom SV Waldhof- Mannheim zu Bayer Leverkusen), Davie Selke (von der TSG 1899 Hoffenheim zu Werder Bremen) sowie Niklas Süle und Jeremy Toljan, die sich beide in der 1. Mannschaft der TSG 1899 Hoffenheim etabliert haben. Aber auch mit Spielern wie Pascal Groß, Manuel Gulde oder Marco Terrazzino, die sich erfolgreich in der 2. Liga etabliert haben, hatten wir eine spannende Zeit und durften sie auf ihrem Weg ins Profilager ganzheitlich betreuen.

NIF: Ein Spieler der durch „Anpfiff ins Leben” gefördert wird, durchläuft unterschiedliche Stationen. Welche Projekte betreuen Sie derzeit und wie funktioniert das ganzheitliche Förderkonzept?

Stefanie Kunzelnick: Das Förderkonzept von Anpfiff ins Leben e.V. ist auf eine langfristige Begleitung junger SportlerInnen in den Bereichen Sport, Schule, Beruf und Soziales ausgerichtet. Der Erfolg beruht auf der einzigartigen Verzahnung der vier Förderbereiche, der aktiven Einbindung der Eltern in unsere Arbeit und „last but not least“ auf der Qualifikation unserer sportlichen und pädagogischen Trainer und Betreuer, die kontinuierlich weitergebildet werden.

Mit dem Eintritt in einen unserer Partnersportvereine (Anm.: Dies sind Vereine von der Kreisklasse bis zur Bundesliga) sind Nachwuchsspieler automatisch in unserer Förderung. Bildlich ausgedrückt ist der Sport „Basis und roter Faden“ für die weitere altersgerechte Entwicklung. Im Rahmen unserer ganzheitlichen Förderung achten wir darauf, dass – individuell auf den jugendlichen Sportler angepasst – der Leistungsgedanke und der Aufbau sozialer Kompetenz altersgerecht erfolgt und damit der Spaß am Spiel erhalten bleibt.

Eine Förderung bei „Anpfiff ins Leben“ ist nicht an den möglichen Sprung in den Profisport gekoppelt. Unabhängig davon, welchen Weg die Jugendlichen nach ihrer Zeit bei „Anpfiff“ gehen, gilt: Sie starten mit ausgezeichneten Perspektiven, selbstbewusst, team- und kritikfähig sowie respektvoll gegenüber Menschen mit anderen Lebensumständen und -entwürfen in ihr Erwachsenenleben.

Hierfür arbeiten tagtäglich über 50 fest angestellte Mitarbeiter und über 400 Trainer, Betreuer, Lehrer und Pädagogen als ehrenamtliche Mitarbeiter oder Honorarkräfte.

NIF: Mit welchen Partnern kooperieren Sie für das „Anpfiff-Netzwerk“ und was verbirgt sich hinter der Aufstiegshelfer-Initiative?

Stefanie Kunzelnick: Als gemeinnütziger Verein sind wir auf die aktive Unterstützung von Spendern, Sponsoren und Partnern angewiesen. Frei nach dem Motto „Jugend ist Zukunft“ freuen wir uns, dass es uns immer wieder aufs Neue gelingt, Menschen für unsere gesellschaftlich bedeutsame Aufgabe zu gewinnen. Das Netzwerk von Anpfiff wächst und umfasst mittlerweile über 120 Partner aus den Bereichen Sport, Bildung, Wissenschaft, Soziales, Politik und Wirtschaft. Im Sinne des „Fair play“ verstehen wir uns als Plattform, die für unsere Spender, Sponsoren und Partner vielfältigen Mehrwert bietet.

Ein aktuelles Beispiel für besonderes Engagement stellt die „Aufstiegshelfer-Initiative“ dar. Um die hervorragende Arbeit von „Anpfiff“ noch bekannter zu machen, und weitere Unterstützer zu gewinnen, werden herausragende Unternehmerpersönlichkeiten als „Aufstiegshelfer“ aktiv. Im Kern begleiten sie Jugendliche als persönlicher Coach und Mentor, im Übergang zwischen Schule und Beruf! Dieses Engagement ist umso höher zu bewerten, da die Vorstände und Geschäftsführer den Impuls für Ihr Engagement selbst entwickelt haben und als Botschafter agieren. Den Gedanken zu Ende gedacht entsteht hier für alle Beteiligten ein großer Mehrwert.

NIF: Sie beschränken sich mit Ihrem Engagement bewusst auf die Metropolregion Rhein-Neckar. Wie viele Förderzentren sind hier mittlerweile entstanden und nach welchen Kriterien wählen Sie die Standorte aus?

Stefanie Kunzelnick: Die Fokussierung von „Anpfiff“ auf die Metropolregion Rhein-Neckar erklärt sich durch unseren Mäzen Dietmar Hopp und die Aktivitäten der gleichnamigen Stiftung. Der Förderschwerpunkt liegt in der Metropolregion Rhein-Neckar, mit der sich der Stifter besonders verbunden fühlt.

Dank Herrn Hopp, der großartiges für die Menschen in der Region leistet, betreibt „Anpfiff ins Leben“ aktuell acht eigene Jugendförderzentren. In der Auswahl der Standorte wurden bewusst unterschiedliche Kriterien berücksichtigt. Ergänzend zur Infrastruktur (Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, lokales Schulnetz, Unternehmen vor Ort etc.) zählen hierzu mögliche soziale Brennpunkte oder auch die Potenziale der Partnervereine.

Anpfiff ins Leben e. V. Gründer Dietmar Hopp © Ellen Klose

Anpfiff ins Leben e. V. Gründer Dietmar Hopp © Ellen Klose

NIF: „Anpfiff ins Leben” führt auch Zertifizierungen von Sport-Clubs durch. Welche Voraussetzungen müssen diese erfüllen, um eine Zertifizierung zu erhalten und welche Ziele verfolgen Sie dabei?

Stefanie Kunzelnick: Unsere Zertifizierung umfasst einen Prozess, der ein Jahr und länger dauern kann. Er ist für den potenziellen Partnersportverein, der sich bewirbt und auch für „Anpfiff“ eine Herausforderung, an der beide Seite wachsen.

Um die Idee von Anpfiff ins Leben e.V. im wörtlichen Sinne mit Leben zu erfüllen, ist es notwendig, dass der Partnerverein die ganzheitliche Förderung erfolgreich in seine ehrenamtlichen Strukturen übersetzt und integriert. Die Voraussetzungen sind in einem Kriterienkatalog festgehalten und bestehen aus teilweise angepassten Anforderungsbausteinen der vier Säulen, die das Konzept von „Anpfiff ins Leben“ tragen. Weitere Aspekte betreffen Fragen der Infra- und Mitgliederstruktur, die Rolle des Ehrenamts sowie Visionen und Perspektiven auf der Führungsebene des Partnervereins.

Im sportlichen Bereich liegt der Schwerpunkt beispielsweise auf der Aus- und Weiterbildung von Trainern und auf einer synergetischen, gerne auch sportartübergreifenden, Kooperation mit anderen Sportvereinen. Im Bereich Schule müssen, am Bedarf orientiert, Betreuungsmaßnahmen wie zum Beispiel regelmäßige Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung durch erfahrenes Lehrpersonal angeboten und organisiert werden. Die Berufsorientierung und Berufsvorbereitung wird durch den Aufbau eines Netzwerkes aus lokalen Unternehmen und Akteuren des Vereins gewährleistet. Im Team unterstützen sie die Jugendlichen dann bei Bewerbertrainings, Rhetorikcoachings, Praktika sowie einer fundierten Beratung rund um die Ausbildungs- und Studienplatzsuche.

Zwar spielt der soziale Aspekt in allen vorab genannten Bereichen bereits eine große Rolle, allerdings ist es für „Anpfiff“ wichtig, den Blickwinkel und Horizont der SportlerInnen zu erweitern. Hier sollen sogenannte „soziale Projekte“ und regelmäßige Begegnungen mit sozial benachteiligten Menschen, Senioren und Behinderten helfen, die sozialen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen auszubauen und zu stärken.

Aufgrund mangelnder Personalressourcen liegt der Zertifizierungsprozess jedoch aktuell still.

NIF: Welche Qualifikationen und Kompetenzen wünschen Sie sich diesbezüglich seitens moderner Clubmanager?

Stefanie Kunzelnick: Eine wichtige Komponente für den Erfolg moderner Clubmanager sind Handlungsoptionen in den Feldern Nachhaltigkeit und CSR, die fachlichen Kompetenzen vorausgesetzt.

Profivereine sind wie Wirtschaftsunternehmen zu betrachten, jedoch ist eines entscheidend: Ein Verein bleibt trotz Professionalisierung und Kommerzialisierung immer ein Verein. Dieser hat einen ganz eigenen, individuellen Charakter. Wer diesen zur Profilierung nutzt, kann eine nachhaltige Vereinsmarke prägen und etablieren.

Weiterhin sollte ein erfolgreicher Clubmanager vorausdenken, gesellschaftliche Entwicklungen erkennen und diese, angepasst an die Möglichkeiten, in den Verein integrieren. Schritt für Schritt können Themen wie zum Beispiel Nachwuchsförderung, ökologisches Handeln, Inklusion oder die gezielte Integration von Ausländern Handlungsfelder im Verein werden.

Die Echtheit eines Vereins und seiner handelnden Personen ist dafür Grundvoraussetzung, wird jedoch durch Integrität und Werteorientierung des Clubmanagers deutlich gestärkt, der offen für diese Chancen sein sollte.

NIF: Was bedeutet Nachhaltigkeit im Fußball aus der Perspektive von „Anpfiff ins Leben”?

Stefanie Kunzelnick: Wie der Gewinn der Weltmeisterschaft und die parallelen Public Viewings gezeigt haben, prägt Fußball unsere Gesellschaft nachhaltig. Auf diese integrative Kraft setzt „Anpfiff ins Leben“, wenn es darum geht, jungen Menschen über den Sport hinaus Perspektiven für Ihr Leben zu geben!

Jungen Menschen Perspektiven zu geben bedeutet jedoch, ihnen Zeit für Ihre individuelle Entwicklung zu geben, auf sie persönlich eingehen, sie aufbauen und zu stärken, auch in schwierigeren Zeiten. Durch die langfristige Begleitung in allen Bereichen können und dürfen wir den Sport nicht nur aus der Leistungsbrille sehen, sondern müssen seinen sozialen Mehrwert erkennen und diesen wertschätzen (lernen).

Bei „Anpfiff“ verstehen wir Sport als Hebel für nachhaltige Veränderungen. Neben Fußball bilden Handball, Eishockey und Golf weitere Facetten unserer täglichen Arbeit mit den Partnervereinen in der Metropolregion Rhein-Neckar. Gemeinsam arbeiten wir daran, die Qualität der Ausbildung von Jugendtrainern zu verbessern, das Ehrenamt zu stärken und Vereinen eine moderne und positive Rolle für das soziale Gefüge in unserer Gesellschaft zu ermöglichen.

NIF: Stichwort ökonomische Nachhaltigkeit. Welcher Stellenwert kommt Ihrer Erfahrung nach in der CSR Debatte im Fußball dem ökonomischen Aspekt zu?

Stefanie Kunzelnick: Ökonomischer Erfolg wird zukünftig nicht mehr von einer nachhaltigen Entwicklung zu trennen sein. Die aktuelle Weltmeisterschaft zeigt exemplarisch zwei Entwicklungen auf. Fußball besitzt heute ein scheinbar unbegrenztes wirtschaftliches Vermarktungspotenzial. Parallel dazu kommt dem Sport – und man könnte die These aufstellen, dass dies die Grundlage für den weltweiten wirtschaftlichen Erfolg ist – eine wichtige identitätsstiftende, gesellschaftspolitische Rolle zu: Gerade in Zeiten einer immer schneller fortschreitenden Digitalisierung und Globalisierung vermittelt der Fußball, der einfach nachvollziehbaren Spielregeln folgt, vielen Menschen Konstanz und Werte und hilft ihnen damit die eigene Identität zu verorten.

Die aktuelle Diskussion um die Finanzpraktiken der FIFA und die Finanzierung von Polizeikräften zeigen, dass mit der zunehmenden Vermarktung der Fußball zwischenzeitlich an Akzeptanzgrenzen stößt. Wer wirtschaftlich erfolgreich sein will, braucht mittel- bis langfristig vor allem Akzeptanz und Identifikation. Die Regeln der UEFA zum „Financial Fair Play“ zeigen, dass dieses grundsätzliche Spannungsfeld erkannt ist. Ob es den Funktionären und Entscheidern im Profifußball gelingt diese Herausforderungen zu meistern, wird auch davon abhängen, ob die Basis den Spaß am Spiel behält. Vor diesem Hintergrund kommt der Nachwuchsförderung im Spitzen- und Breitensport künftig eine stärkere identitätsstiftende Wirkung zu!

NIF: Was sind die Ziele Ihres Vereins für die nähere Zukunft?

Stefanie Kunzelnick: Kinder sind Zukunft. Für dieses wichtige Ziel, das alle Menschen in unserer Gesellschaft betrifft, wird sich „Anpfiff ins Leben“ weiter einsetzen. Aufgrund der weitreichenden Vernetzung mit unseren Partnern aus den Bereichen Sport, Bildung, Wissenschaft, Soziales, Politik und Wirtschaft, ohne die unsere ganzheitliche Förderphilosophie nicht tagtäglich umsetzbar wäre, will Anpfiff ins Leben e.V. auch künftig eine wichtige Rolle als Innovator und Vorreiter erfüllen. Wichtig bleibt, Ressourcen zum Wohle der Kinder und Jugendlichen zu bündeln und Synergien durch Kooperationen zu nutzen. Damit können wir gemeinsam das Ziel erreichen, dass viele Kinder und Jugendliche ihre Zukunft eigenverantwortlich gestalten und sich als Persönlichkeiten wiederum aktiv für andere in unserer Gesellschaft einsetzen.

Das Interview mit Stefanie Kunzelnick führte Susanne Blech, Redakteurin und Nachhaltigkeitsexpertin bei Nachhaltigkeit im Fußball.


Über Stefanie Kunzelnick

Stefanie Kunzelnick (Jahrgang 1985) verantwortet seit Ende 2010 den Bereich Marketing/Kommunikation & Fundraising bei dem von SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp initiierten Verein Anpfiff ins Leben e.V. Zudem ist sie als Mitglied der Vereinsführung für die strategische Entwicklung und Professionalisierung des Vereins mitverantwortlich. Zuvor war sie im Sportmanagement- und Marketing u.a. für die Olympischen Spiele in Hongkong, den Weltmeisterschaften im Reitsport, dem Weltfest des Pferdesports (CHIO Aachen) sowie beim Golf Club St. Leon-Rot tätig.

Stefanie Kunzelnick hat einen Bachelor in Internationalem Management und absolvierte parallel zu Ihren beruflichen Aufgaben einen Master in nachhaltiger Unternehmensführung und CSR-Management (M.A.) sowie eine Master of Business Administration (MBA) in Deutschland, Österreich und den USA.
Selbständig ist sie als freie Dozentin für Nachhaltigkeit und CSR-Management sowie als Beraterin für Firmen und Non-Profit-Organisationen in zuvor genannten Bereichen tätig. Mehr Informationen zu Ihrer aktuellen Tätigkeit findet man hier: www.anpfiff-ins-leben.de

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