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Nachhaltigkeit im Fußball-Redakteurin Emmylou Gollnick im Interview mit der ehemaligen Fußball-Nationalspielerin und aktuellen Kapitänin des 1. FFC Frankfurt, Kerstin Garefrekes.

Nachhaltigkeit im Fußball (NIF): Liebe Frau Garefrekes, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum 3:1-Pokalerfolg gegen den FC Bayern München und Ihren beiden Treffern (DFB-Pokal-Viertelfinal-Spiel am 21.12.2014, Anm. der Redaktion)! Wie wichtig für die Mannschaftsmoral war dieser Sieg im letzten Pflichtspiel vor der Winterpause?

Kerstin Garefrekes: Auch wenn das Spiel jetzt schon einige Zeit zurückliegt, lässt sich sagen, dass es ein enorm wichtiges Spiel für uns war. Zum einen hatten wir in den Meisterschaftsspielen zuvor keine der Begegnungen gegen unsere unmittelbaren Konkurrenten um die ersten beiden Tabellenplätze für uns gewinnen können und daher waren der Druck bzw. die Unsicherheit vor dem Pokalspiel im Verein deutlich spürbar. Zum anderen ist der Pokalwettbewerb immer ein ganz besonderer Wettbewerb und allen war klar, dass der Traum von der erneuten Pokalendspielteilnahme in Köln durch ein Spiel beendet sein könnte. Vor diesem Hintergrund waren wir natürlich umso glücklicher, dass wir das Spiel souverän gewinnen konnten. Ich denke, dass dieser Tag ein Wendepunkt für uns war und seitdem treten wir als Mannschaft viel geschlossener und entschlossener auf. Wir haben uns jetzt wieder in allen Wettbewerben (Meisterschaft, DFB-Pokal, Champions-League) eine gute Ausgangsposition erkämpft.

NIF: Obwohl bei den FFC-Heimspielen regelmäßig Größen des Frauenfußballs wie Steffi Jones anwesend sind, sprach der TV-Kommentator beim Bundesliga-Kracher gegen den FC Bayern München vor zwei Wochen erst von prominenten Zuschauern, als Eintracht Frankfurt-Torhüter Kevin Trapp gesichtet wurde. Würden Sie sagen, der Frauenfußball hat in der Sportstadt Frankfurt den Stellenwert inne, den er verdient?

Kerstin Garefrekes: Aus meiner Sicht hat sich der Frauenfußball in den letzten 20 Jahren sehr positiv entwickelt und auch in der öffentlichen Wahrnehmung hat sich das Bild gewandelt. Ich spüre nicht nur bei unseren Spielen, sondern gerade auch im Alltag, dass mir Anerkennung für das Geleistete und Respekt vor unserer Sportart von vielen verschiedenen Menschen ausgesprochen wird. Unabhängig davon, ist es natürlich unbestritten, dass es auch noch Entwicklungspotenzial auf allen Ebenen im Frauenfußball gibt.

NIF: Wie sieht es mit der Würdigung des Frauenfußballs auf nationaler und internationaler Ebene aus? Gibt es dabei Ihrer Meinung nach Unterschiede zwischen den großen Frauenfußballnationen Deutschland, Schweden und USA? Sie konnten ja durch Ihr Engagement bei Washington Spirit im vergangenen Sommer live miterleben, wie der Frauenfußball aktuell aufgestellt ist in den USA…

Kerstin Garefrekes - Ex-Nationalspielerin und Leistungsträgerin beim 1. FFC Frankfurt

Kerstin Garefrekes am Ball beim letztjährigen DFB-Pokalfinale in Köln © Frank Heß

Kerstin Garefrekes: Im Grunde gilt auch hier das, was ich zu der vorherigen Frage gesagt habe: Wir sind auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel. Im Vergleich mit den USA habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass die Ligastruktur bzw. –organisation in Deutschland sehr professionell aufgestellt ist. In diesem Bereich ist deutlich zu spüren, dass die amerikanische Profiliga jetzt erst in die dritte Saison startet. Auf der anderen Seite habe ich jedoch auch erlebt, dass der Sport im Allgemeinen in den USA einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland besitzt. In meiner Zeit bei Washington Spirit wurde ich auf Reisen oder wenn ich in der Stadt unterwegs war, sehr häufig auf das Thema Sport angesprochen. Die Amerikaner habe ich in dieser Hinsicht als sehr interessiert und begeisterungsfähig kennengelernt.

NIF: Seit der Heim-WM 2011 ist die mediale Präsenz des Frauenfußballs in Deutschland gestiegen, beispielsweise durch die wöchentliche Übertragung eines Bundesliga-Spiels durch den TV-Sender Eurosport. Auch haben Vereine seitdem einen enormen Zulauf von Mädchen zu verzeichnen, die ihre Begeisterung für den Fußball entdeckt haben. Macht es Sie nicht genau wegen dieses Aufschwungs des Frauenfußballs wütend, dass Spitzensportlerinnen wie Sie, die einen ebenso hohen Trainingsaufwand erbringen, immer noch einen Bruchteil männlicher Bundesliga-Spieler verdienen und sich deshalb der Doppelbelastung Spitzensport und Beruf aussetzen müssen?

Kerstin Garefrekes: Nach meinem Kenntnisstand ist es durchaus möglich, auf einem guten Niveau den Lebensunterhalt mit dem Sport sicherzustellen. Die meisten Spielerinnen in den Spitzenvereinen dürften mittlerweile Profis sein und aus rein finanzieller Sicht nicht auf eine parallele Berufsausübung angewiesen sein. Ich für meinen Teil kann jedoch sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin, dass ich neben meiner körperlichen Tätigkeit im Fußball auch geistige Herausforderungen in meinem Beruf meistern muss und mir zusätzlich noch eine hervorragende Perspektive für mein Leben nach dem Leistungssport geschaffen habe. Hinsichtlich des Gehältervergleichs ist es natürlich auf der einen Seite schwer nachzuvollziehen, dass ein vergleichbarer Aufwand so unterschiedlich bezahlt wird und dass ein Mensch, egal ob Fußballprofi oder Spitzenmanager, viele Millionen Euro im Jahr verdient. Auf der anderen Seite bin ich jedoch ein Mensch, der nur selten Neid empfindet und ich kann auch mit dem, was ich habe, sehr zufrieden sein, ohne dass ich immer auf andere blicken muss.

NIF: Würden Sie zustimmen, dass von vorneherein nur Spielerinnen, die dem weiblichen Stereotypen entsprechen, die Möglichkeit erhalten, einen Werbevertrag abzuschließen und die spielerischen Qualitäten dabei im Hintergrund stehen?

Kerstin Garefrekes: Nein. Betrachtet man beispielsweise Nadine Angerer, kann man feststellen, dass sie sich vor allem durch ihre sportlichen Leistungen und Erfolge sowie ihrer charismatischen Persönlichkeit erfolgreich vermarkten lassen kann.

NIF: Sie persönlich lassen sich im Gegensatz zu den meisten Ihrer Mannschaftskolleginnen nicht durch einen Manager vertreten und lehnen Werbeverträge ab. Kann man dies auch eventuell auch als Protest gegen die oben beschriebenen Vermarktungsstrategien interpretieren?

Kerstin Garefrekes: Nein. Im Zusammenhang mit meinem Engagement in den USA wurde ich durch einen erfahrenen Spielerberater unterstützt. Die Verhandlungen und die rechtliche Abwicklung des Transfers hätte ich alleine nicht bewältigen können. Und gerade für das Thema persönliche Vermarktung muss jede Spielerin einen individuellen Weg für sich finden. Wenn es von dem Produkt bzw. dem zeitlichen Rahmen gepasst hat, habe ich in meiner Karriere durchaus Werbeverträge abgeschlossen. Aber ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass ich meine besten sportlichen Leistungen abrufen kann, wenn ich mich auf meinen Sport konzentriere und möglichst wenig von den Nebenschauplätzen des Sportbusiness mitbekomme. Außerdem muss sich jede Spielerin auch vor Augen führen, dass eine gewisse Öffentlichkeit und Bekanntheit, die mit Werbeverträgen zusätzlich einhergeht, in sportlich guten Zeiten einfach und angenehm ist, aber in sportlich schwierigen Zeiten ebenso gnadenlos sein kann. Bestes Beispiel hierfür ist aus meiner Sicht der Fall Lira Alushi (geb. Bajramaj) im Rahmen der WM 2011 in Deutschland.

Frau Garefrekes, wir danken Ihnen herzlich für das Interview!

Über Kerstin Garefrekes

Am 04.09.1979 geboren, begann Kerstin Garefrekes ihre fußballerische Laufbahn acht Jahre später nahe ihres Heimatorts Ibbenbüren, bevor sie 1998 in die Bundesligamannschaft des FFC Heike Rheine wechselte. Den Vertrag bei ihrem aktuellen Klub, dem 1. FFC Frankfurt, unterschrieb sie im Jahr 2004. Bereits drei Jahre zuvor hatte Garefrekes bereits ihr Debüt in der A-Nationalmannschaft gegeben, in der sie bis 2011 aktiv war. Zwei Welt- und zwei Europameistertitel konnte sie in dieser Zeit mit der DFB-Elf erringen, zudem wurde sie im Jahr 2004 Bundesliga-Torschützenkönigin. In der aktuellen Saison 2014/15 steht Kerstin Garefrekes mit dem 1. FFC Frankfurt noch die Meisterschaft der Allianz Frauen-Bundesliga sowie der Sieg der Champions League offen. Deren Endspiel wird am 14. Mai 2015 in Berlin gegen Paris St. Germain ausgetragen. Im März 2015 gab Kerstin Garefrekes das Ende ihrer fußballerischen Karriere nach Abschluss der Saison 2015/16 bekannt.

Weiterführende Links:

1. FFC Frankfurt
Allianz Frauen-Bundesliga
– Kerstin Garefrekes auf womensoccer.de