Bundesliga Fußballvereine sind Großverbraucher
Lothar Hartmann - Leiter Nachhaltigkeits- und Qualitätsmanagement © memo AG
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Nachhaltigkeit im Fußball Redakteurin Susanne Blech im Interview mit Lothar Hartmann, Leiter Nachhaltigkeitsmanagement bei dem Versandhandelsunternehmen memo AG.


Nachhaltigkeit im Fußball (NIF): Herr Hartmann, die memo AG ist ein vielfach ausgezeichnetes Versandhandelsunternehmen für umweltverträglich produzierten Bürobedarf, mit rund 120.000 Gewerbe- und Privatkunden und einem Sortiment von mittlerweile über 10.000 Produkten. Sie führen sogar einen FSC-zertifizierten Fußball aus fairem Handel. Was hat nachhaltige Beschaffung mit Fußball zu tun?

Lothar Hartmann: Bundesliga Fußballvereine sind – genauso wie Unternehmen oder Privathaushalte – Verbraucher von Konsumgütern. Im Vergleich zu klein- und mittelständischen Betrieben sind die Klubs aus den Profiligen sogar richtige Großverbraucher. Sie benötigen viel Energie für den Betrieb der Stadien, vermarkten immense Mengen an Werbeartikeln und benötigen vermutlich mehr Büromaterial als viele unserer gewerblichen Kunden.

Durch die gezielte Beschaffung nachhaltiger Produkte können Bundesliga Fußballvereine mit einem derart großen Marktvolumen einen nennenswerten Effekt hinsichtlich des Umweltschutzes erzielen und darüber hinaus einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung nachhaltiger Produkte bei den Herstellern oder im Handel bewirken.

Nachhaltigkeit im Fußball kann letztlich auch eine positive gesellschaftliche Wirkung haben. Wenn die Fußballvereine nachhaltig konsumieren und dies auch an ihre Fans umfassend kommunizieren, kann dies zu einem hohen Multiplikatoreffekt führen.

NIF: Welche Argumente sprechen für eine Ausstattung von Sportvereinen mit nachhaltigem Büromaterial?

Lothar Hartmann: Im Vergleich zur Energieversorgung der Stadien oder dem Bedarf an Sportkleidung spielt das Büromaterial mengenmäßig sicher eine untergeordnete Rolle. Aber die nachhaltige Beschaffung von Büromaterial ist vergleichsweise einfach umzusetzen. Es gibt für nahezu jeden Einsatzbereich eine nachhaltige Produktalternative zu marktfähigen Preisen.

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne auf den Merchandising-Bereich aufmerksam machen. Gerade bei Werbeartikeln werden Aspekte wie Ökologie, Sozialverträglichkeit oder auch Langlebigkeit bei der Beschaffung viel zu oft vernachlässigt. Einziges Einkaufskriterium ist häufig der Preis. Aber gerade diese Produkte prägen das Image eines Unternehmens oder eben eines Vereins in besonderem Maße. Bei Wirtschaftsunternehmen können nachhaltige Werbeträger, die entsprechend gut kommuniziert werden, einen bedeutenden Beitrag zur Kundenbindung leisten. Ich denke das wäre bei Fans und Partnern von Fußballvereinen nicht wesentlich anders.

NIF: Welche Büroartikel lassen sich zu Beginn einer Umstellung leicht mit einer nachhaltigen, kostengünstigen Alternative ersetzen? Worauf sollte dabei primär geachtet werden?

Lothar Hartmann: Ich empfehle unseren Kunden gerne mit Produkten aus Papier zu beginnen. Kopierpapier, Geschäftspapier, Briefhüllen, Aktenordner oder Notizzettel sind heute in einer hochwertigen Recyclingqualität verfügbar und meist kostengünstiger als vergleichbare Produkte aus Frischfasern – und das umso mehr, wenn man ökologische Folgeschäden hinzurechnet. Eine gute Orientierungshilfe bietet hierbei das Umweltzeichen Blauer Engel. Papierprodukte, die dieses Zeichen tragen sind immer aus 100% Recyclingpapier und enthalten keine umweltbelastenden oder gesundheitsgefährdenden Inhaltsstoffe. Die Herstellung von zwei Blatt memo Kopierpapier spart beispielsweise so viel Energie, dass Sie damit einen Liter Wasser zum Kochen bringen können.

Letztendlich gibt es aber für nahezu alle Produkte, die im Büro benötigt werden, eine nachhaltige Alternative: von Holz-Schreibgeräten aus vorbildlich bewirtschafteten Wäldern bis zu energiesparenden Aktenvernichtern, die in Deutschland produziert werden.

NIF: Nach welchen Kriterien prüft memo die Produkte vor der Listung im Katalog?

Lothar Hartmann: Unser Listungsprozeß orientiert sich an den drei Säulen der Nachhaltigkeit – Ökologie, Sozialverträglichkeit und Ökonomie – ergänzt um den Faktor Qualität. Er umfasst eine ganzheitliche Analyse der Umweltauswirkungen und der Gesundheitsverträglichkeit der Produkte. Die Kriterien der Produktprüfung sind umfassend und je nach Produktart sehr unterschiedlich. Wir achten zum Beispiel auf die eingesetzten Materialien, eine sparsame recyclingfähige Verpackung, Gebrauchstauglichkeit, Energieeffizienz und gute Recyclingfähigkeit. Sozialverträgliche Arbeitsbedingungen in der Produktion und fairer Handel sind weitere bedeutende Aspekte unserer Sortimentsgestaltung.

NIF: Die memo AG vertreibt nicht nur umweltverträglich produziertes Büromaterial, sie gilt in vielfacher Hinsicht selbst als Vorreiter für nachhaltiges Handeln und Wirtschaften. Das Unternehmen wurde 2012 vom WWF als “best practice” Unternehmen und vom Onlineportal Utopia als “Changemaker des Jahres” ausgezeichnet. Was macht memo zu einem Changemaker?

Lothar Hartmann: Über die Auszeichnungen, die wir für unsere Nachhaltigkeitsleistungen erhalten haben, freuen wir uns natürlich sehr. Wir möchten uns aber nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen, sondern sind ständig auf der Suche nach weiteren Verbesserungsmöglichkeiten. Wir wollen nachhaltiges Wirtschaften proaktiv entwickeln. Dabei beschränken wir uns nicht nur auf die Produkte in unserem Sortiment. Wir wollen Nachhaltigkeit konsequent und vor allem ganzheitlich im Unternehmen umsetzen und uns nicht auf einzelne Aspekte beschränken. Im Warenversand haben wir zum Beispiel als bisher einziges Unternehmen am Markt ein Mehrwegversandsystem für Lieferungen an Endverbraucher entwickelt – die „memo Box“.

NIF: Ob Logistik, Standort- und Personalmanagement, Partnerschaften oder Kooperationen, Ihr Unternehmen verknüpft ökologisches und soziales Engagement erfolgreich mit ehrgeizigen betriebswirtschaftlichen Zielen. Welche Tipps können Sie als Experte für Nachhaltigkeitsmanagement Fußball-Clubs für den Einstieg in nachhaltiges Wirtschaften geben?

Lothar Hartmann: Das allerwichtigste ist, dass die Vereinsführung hundertprozentig hinter einer „Nachhaltigen Wirtschaftsweise“ steht. Sie sollte auf höchster Ebene eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln, Leitlinien vorgeben und vor allem auch eine Vorbildfunktion einnehmen. Nur dann können die Mitarbeiter des Vereins – wozu auch die Spieler zählen – ihre eigenen Arbeitsbereiche oder auch Verhaltensweisen nachhaltig verbessern. Ein gutes Beispiel ist das Thema Fuhrpark: Wenn die Geschäftsführung durch energiesparende und emissionsarme Dienstfahrzeuge mit gutem Beispiel vorangeht, hat das auch für die Mitarbeiter Signalwirkung und motiviert diese wesentlich.

Bei der Definition und Umsetzung geeigneter Maßnahmen bietet es sich an zunächst eine Ist-Analyse durchzuführen. Wo liegen die Stärken oder die Schwächen des Vereins hinsichtlich einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. Sind Verbesserungsmöglichkeiten identifiziert, sollten nicht alle Maßnahmen sofort angegangen werden. Es bietet sich an diejenigen Bereiche zu wählen, die einfach umsetzbar sind oder bei denen die größten Effekte zu erwarten sind. Nachhaltigkeitsmanagement ist ein dauerhaftes Instrumentarium, das sich kontinuierlich weiterentwickelt.

Unterstützung und Beratung bei der Umsetzung liefern anerkannte und unabhängige Unternehmensorganisationen wie beispielsweise der B.A.U.M. e.V. oder verschiedene Standards, wie z.B. der Deutsche Nachhaltigkeitskodex.

NIF: Sie stehen als Versandhandelsunternehmen an der Schnittstelle zwischen Produzenten und Kunden. Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich dadurch Ihrer Meinung nach für das Unternehmen und welche Parallelen können Sie diesbezüglich zum Fußball ziehen?

Lothar Hartmann: Als Handelsunternehmen sind wir ein Bindeglied zwischen Herstellern und Verbrauchern. Wir haben die große Chance beide Interessensgruppen direkt zu erreichen und sie zu einem nachhaltigen Verhalten zu motivieren. Gleichzeitig ist das aber auch die große Herausforderung. Wie erreicht man die vielen verschiedenen Menschen, um sie wirklich für das Thema zu interessieren und zu aktiven Handlungsänderungen zu bewegen? Was ist die beste Kommunikationsstrategie und mit welchen Argumenten kann man tatsächlich dauerhaft überzeugen? Daran arbeiten wir täglich mit den uns zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Mitteln.

Ich denke, dass gerade der Fußball in Deutschland eine immense gesellschaftliche Wirkung erzielen und sehr viele Menschen direkt erreichen könnte. Viele davon haben sich vielleicht noch nicht intensiv mit einer nachhaltigen Lebensweise beschäftigt. Das ist eine große Chance, denn die Hebelwirkung der großen Vereine oder des deutschen Fußballverbands kann enorm sein.

Auch die kleineren Vereine können in der Summe viele Menschen erreichen. Deren finanzielle Mittel sind sicher begrenzt und die meisten Verantwortlichen opfern sowieso schon ihre eigene Freizeit für den Verein. Eine sinnvolle Lösung könnte sein, sich für diese übergreifenden Themen zusammenzuschließen, zum Beispiel gesteuert durch die Landesverbände. Übrigens kann das auch bei der Umsetzung einer nachhaltigen Beschaffung sinnvoll sein. Treten die Vereine als eine Art „Einkaufsgenossenschaft“ auf, werden größere Mengen nachgefragt und in der Regel bessere Preise erzielt.

NIF: Welche Ziele verfolgt ein Unternehmen, welches bereits als “best practice” Unternehmen ausgezeichnet worden ist? Welche Projekte möchte die memo AG in den kommenden Jahren umsetzen?

Lothar Hartmann: Wir sind bestrebt unsere Nachhaltigkeitsleistungen kontinuierlich zu verbessern, wollen aber gleichzeitig die einzelnen Schritte überschaubar und leistbar halten. Eine aktuelles Projekt ist beispielsweise die Optimierung unseres Mehrwegversandsystems „memo Box“. Durch den Einsatz von Recyclingkunststoff reduzieren wir die CO2-Emissionen bei der Produktion einer Versandbox um 65% und sparen wertvolle fossile Ressourcen ein. In unserer internen Logistik stellen wir gerade auf ein papierloses, digitales Kommissionierverfahren um.

Das Interview mit Lothar Hartmann führte Susanne Blech, Redakteurin und Nachhaltigkeitsexpertin bei Nachhaltigkeit im Fußball.


memo AG Manager Lothar Hartmann - "Bundesliga Fußballvereine sind Großverbraucher"

Logo © memo AG

Über Lothar Hartmann

Der Betriebswirt (Jahrgang 1967) ist seit 1996 zuständig für den Bereich Nachhaltigkeits- und Qualitätsmanagement der memo AG. Seine Aufgabe ist die Beratung, Koordination und Unterstützung aller Abteilungen im Unternehmen zu nachhaltigkeitsrelevanten Themen. Weiterhin ist er für die Erstellung des bereits mehrfach ausgezeichneten Nachhaltigkeitsberichtes der memo AG verantwortlich.

Neben dem Nachhaltigkeitsbericht ist auch das Unternehmen mehrfach für seine nachhaltigen Leistungen ausgezeichnet worden. Darunter mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2009, als „Nachhaltiges Einzelhandelsunternehmen 2010“ und zuletzt mit dem Nachhaltigkeitspreis Mainfranken 2012.

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