CSR – bei Wolfsburg Managementaufgabe
Nico Briskorn - CSR Manager © VFL wolfsburg
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Nachhaltigkeit im Fußball Redakteurin Susanne Blech im Interview mit Nico Briskorn, Leiter Corporate Social Responsibility (CSR) beim Bundesligisten VfL Wolfsburg und Mitglied im Arbeitskreis für gesellschaftliches Engagement der Bundesliga-Stiftung.

Nachhaltigkeit im Fußball (NIF): Herr Briskorn, Sie sind studierter Sportmanager und Leiter Corporate Social Responsibility beim VfL Wolfsburg. Warum sollte eine CSR Stabsstelle Bestandteil des Sportmanagements eines Fußball-Proficlubs sein?

Nico Briskorn: Bundesligavereine stehen genauso wie Wirtschaftsunternehmen in der gesellschaftlichen Verantwortung. Das Engagement beschränkt sich dabei längst nicht mehr nur auf den Sport, sondern schließt unterschiedliche Aktivitäten im sozialen und ökologischen Bereich mit ein. Mit der Gründung der Deutschen Bundesliga-Stiftung hat die Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) ein wichtiges Signal gesetzt. Seit 2009 hat die Stiftung schon über 50 Projekte mit einer Gesamtsumme von mehr als drei Millionen Euro gefördert. Schon diese Entwicklung zeigt, warum es für die Vereine immer wichtiger wird, das Thema mit hoher Professionalität anzugehen. Professionell bedeutet auch, dass das Engagement auf einer Strategie basiert und nachhaltig angelegt ist – erst dann entfaltet es die höchste Wirkung. Diesem hohen Anspruch kann eine spezialisierte CSR-Abteilung am besten nachkommen.

NIF: Nachhaltigkeitsmanagement ist eine Querschnittsaufgabe mit vielen Schnittstellen zu anderen Bereichen. Welchen Aufgaben geht Ihr Team nach und wie ist Ihre Stabsstelle in das Clubmanagement eingebunden?

Nico Briskorn: Unser CSR-Team mit dreieinhalb Stellen treibt maßgeblich die Geschäftsentwicklung in den Themen Gesellschaft und Ökologie voran. Zu unserer Kernaufgabe zählt, die CSR-Initiative „Gemeinsam bewegen“ weiterzuentwickeln und sie im Verein strategisch zu verankern. Dazu gehört auch eine aktive interne und externe Kommunikation aller Nachhaltigkeitsthemen. Beim VfL Wolfsburg ist CSR Managementaufgabe. Ziel ist es, den CSR-Prozess unter Einbeziehung der Mitarbeiter von innen heraus wachsen zu lassen. Auf diese Weise kann der Verein seine Nachhaltigkeitsstrategie systematisch verfolgen und sämtliche Aktivitäten umfassend planen und gestalten.

NIF: Was genau steht hinter dem Konzept “Gemeinsam bewegen” und einem Motto wie “Grün aus Überzeugung”? Was sind Ihre sozialen und ökologischen Schwerpunktthemen heute und was ist Ihre Roadmap?

Nico Briskorn: Mit „Gemeinsam bewegen“ möchten wir Nachhaltigkeit in all ihren Dimensionen begreifbar machen und so eine bessere Wahrnehmung unserer CSR-Aktivitäten erreichen. Die Initiative bündelt unsere Aktivitäten, verbessert ihre Sichtbarkeit und macht es uns leichter, Partner für unser Engagement zu finden. Dabei bilden die vier inhaltlichen Säulen Bildung, Integration, Gesundheit und Umwelt die große Klammer für sämtliche Maßnahmen. Bewegen verstehen wir im dreifachen Sinne: Sich bewegen im Sinne von Sport treiben. Etwas bewegen, heißt Anstöße geben sowie Dinge verändern. Und Menschen bewegen, ihnen nahekommen.

Wichtig ist uns dabei auch, dass alle Projekte einen motivierenden Fußballbezug haben und insbesondere Kinder sowie Jugendliche ansprechen. So soll zum Beispiel mit der interaktiven Online-Plattform „VfL-Wiki“ Lernfreude vermittelt werden oder mit der Aktion „Muuvit“ auf spielerische Art und Weise der Spaß an der Bewegung nähergebracht werden. Der Slogan „Grün aus Überzeugung“ unterstreicht unser Engagement im Umweltschutz. Das beginnt mit der von uns mit dem Kombiticket geförderten An- und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, geht weiter über grünen Strom im Stadion, wassersparende Armaturen bis zum ressourcenschonenden Bratwürstchen im Brötchen statt auf Pappunterlage.

NIF: Sie blicken nun bereits auf einige Jahre im Nachhaltigkeitsmanagement zurück. Wann ist das richtige Timing um im Profifußball über das nachhaltige Engagement des Clubs zu kommunizieren, was gilt es hier zu beachten und welche Zielkonflikte erleben Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit?

Nico Briskorn: Beim VfL waren wir uns mit Beginn der CSR-Strategie bewusst, dass eine umfassende Kommunikation der Aktivitäten ein entscheidender Erfolgsfaktor ist, um die eigenen Unternehmensziele zu erreichen und insbesondere auch das Vereinsimage zu verbessern. An erster Stelle ist uns aber auch hier die Nachhaltigkeit wichtig. Wir wollen mit unserer Initiative kein Greenwashing betreiben, sondern berichten über Stärken genau wie über die Bereiche, in denen wir uns noch verbessern möchten. Nachhaltig ist auch in der Kommunikation unsere Strategie. Das bedeutet, dass wir die Aktivitäten sorgfältig planen, selbst entwickeln und erst dann an die Öffentlichkeit gehen, wenn wir uns ihrer Wirkung sicher sein können. Dabei muss die Kommunikation glaubwürdig und transparent bleiben und darf nicht auf kurzfristige PR-Effekte abzielen. In dieser Form vermeiden wir Zielkonflikte, weil sich auch die Beteiligten, also die Fans, Mitarbeiter, Kooperationspartner, mitgenommen fühlen.

NIF: In konsumrelevanten Bereichen wächst die Zahl der Verbraucher, die auf nachhaltig produzierte und fair gehandelte Produkte Wert legen. Welche Bedeutung messen, Ihrer Erfahrung nach, Fans dem sozialen und ökologischen Engagement der Fußball Proficlubs bei? Können die Clubs mit Nachhaltigkeit punkten?

Nico Briskorn: Dazu haben wir gerade unterschiedliche Zielgruppen befragt, zum einen die eigenen Fans im Rahmen einer Regionalstudie, zum anderen die bundesweite Bevölkerung durch das Meinungsforschungsinstitut forsa. Herausgekommen sind interessante Ergebnisse. Bei den eigenen Fans finden es über 80 Prozent „wichtig“ bzw. „sehr wichtig“, dass sich der VfL Wolfsburg gesellschaftlich engagiert. Solche Werte freuen uns natürlich und unterstreichen, dass unsere CSR-Arbeit Früchte trägt. In der Gesamtbevölkerung ist das Meinungsbild hingegen erwartungsgemäß neutraler: Dort erwarten besonders jüngere Menschen gesellschaftliches Engagement von den Vereinen. In der Altersgruppe der 14- bis 44-Jährigen sprach sich fast jeder Zweite dafür aus, während unter allen Befragten nur 38 Prozent dafür stimmten. Dass unseren Fans das Thema nachhaltig und fair gehandelte Produkte am Herzen liegt, dafür ist unsere in der letzten Saison vorgestellte Upcycling-Kollektion „Wolf´s Up“ ein schönes Beispiel. Die aus alten Trikots der Profis recycelten Kleidungsstücke, bei denen jedes für sich ein Unikat ist, hat den Nerv der Zeit getroffen: Die Kollektion war nach zwei Tagen ausverkauft.

NIF: Die Fußball-Proficlubs sind heutzutage Wirtschaftsunternehmen und zeigen mit vielen Projekten gesellschaftliche Verantwortung. Die Integration eines Nachhaltigkeitsmanagements in die Unternehmensführung erfordert allerdings bestimmte strukturelle Voraussetzungen. Was unterscheidet hier den VfL von anderen Vereinen?

Nico Briskorn: Eine Besonderheit ist natürlich die Nähe zu Volkswagen. Die Verhaltensgrundsätze des Konzerns gelten auch für den VfL Wolfsburg. Insbesondere die Mitarbeiter profitieren von dem professionellen Umfeld, welches beispielsweise umfangreiche Sozialleistungen oder Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz bedeutet. Sich in gesellschaftliche Diskussionen einzumischen und Themen anzuschieben, gehört zum Selbstverständnis des VfL Wolfsburg und seiner CSR-Strategie. So hat der Verein als weltweit erster Fußballclub seine Herausforderungen in einem GRI-geprüften Nachhaltigkeitsbericht definiert und sich klare Ziele und Fristen für die Umsetzung gesetzt.

Insgesamt sollen im Bereich Merchandising zehn Prozent der Produkte auf Fair-Trade umgestellt werden und ein weiteres wichtiges Ziel ist die Senkung der CO2-Emmissionen um 25 Prozent bis zur Saison 2017/2018. Mit der Saison 2014/2015 werden Nachhaltigkeitsziele in die Zielvereinbarungen der Mitarbeiter, Führungskräfte und Geschäftsführer integriert.

NIF: Das ökologische Engagement von DFB und Fußballvereinen bezieht sich insbesondere auf die Stadien und deren Umbau zu Ökoprofitstadien im Zuge der FIFA-Frauen WM 2011. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit darüber hinaus in der Lieferkette und bei den Ausrüstern und wie setzt sich der VfL mit dieser Thematik auseinander?

Nico Briskorn: Der Verein arbeitet auch hier in verschiedenen Bereichen eng mit Volkswagen zusammen. So wurden hinsichtlich der Nachhaltigkeitsanforderungen im Einkauf die Richtlinien der Muttergesellschaft adaptiert. Mit Fair-Trade-Produkten hat sich unsere Merchandising-Abteilung lange und intensiv beschäftigt. In der neuen Saison wird der VfL erste Artikel anbieten, zunächst verschiedene Schokoladenprodukte. In diesem Bereich sind wir mit unseren Lieferanten im ständigen Austausch, um noch weitere Produkte ins Sortiment aufzunehmen. Auch mit unserem neuen Textilausrüster Kappa laufen dazu bereits gute Gespräche.

NIF: Insbesondere für die junge Generation spielt langfristiges nachhaltiges Commitment eine große Rolle und wird seitens der Unternehmen eingefordert. Immer wieder sorgen Ausrüster oder Sponsoren allerdings für Negativschlagzeilen. Welche Wertebasis ist ausschlaggebend für eine Kooperation und welche Einflussmöglichkeiten bestehen seitens eines Fußballclubs?

Nico Briskorn: Der Verhaltenscodex der Volkswagen AG ist auch hier für uns genauso maßgeblich wie für die übrigen Mitarbeiter des Volkswagenkonzerns. Werte wie „Kundennähe, Höchstleistung, Respekt, Verantwortung und Nachhaltigkeit“ werden auch beim VfL Wolfsburg groß geschrieben. Die Entscheider im Vertrieb sind gehalten, Nachhaltigkeitsrisiken seitens der Sponsoren zu prüfen. Dabei stimmen sie sich eng mit unserem CSR-Team und der Geschäftsführung ab, die letztlich entscheidet. Der Codex ist für unsere Arbeit nicht Bremse, sondern Motor für verantwortungsvolles Handeln.

NIF: Sie sind im Arbeitskreis für gesellschaftliches Engagement der Bundesliga-Stiftung aktiv. Welche Themen stehen hier aktuell im Vordergrund, welche Organisationsformen werden für die Aufgaben im CSR Bereich diskutiert und welche Kooperationen ergeben sich perspektivisch zwischen den Proficlubs im Bereich Nachhaltigkeit?

Nico Briskorn: Der Arbeitskreis ist enorm wichtig, um sich regelmäßig untereinander austauschen zu können. Für 2015 ist ein Aktionstag aller Bundesligisten geplant, denn gemeinsam lässt sich mehr bewegen. Darüber hinaus wollen wir in naher Zukunft einen CSR-Lehrgang für Vereinsvertreter anbieten. Diese Weiterbildung soll den Teilnehmern Wege aufzeigen, wie sie die CSR-Strukturen in ihren Vereinen noch stärker professionalisieren können. Außerdem stehen in unserem Arbeitskreis auch der Umgang mit gesellschaftlich wichtigen Themen wie Rassismus, Homophobie, Inklusion und Integration sowie rechtliche und organisatorische Fragen regelmäßig auf der Tagesordnung.

NIF: Zum Schluss: Wie fällt Ihr Nachhaltigkeits-Urteil über die Fußball WM 2014 aus?

Nico Briskorn: Schwierige Frage. Klar ist, der Fußball kann nicht alle Probleme lösen, schon gar nicht in einem Land wie Brasilien mit all seinen sozialen Herausforderungen. Dennoch spielt, soviel ich gehört habe, das Thema Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle bei der Weltmeisterschaft. So wurden zum Beispiel auf vielen Stadiondächern Solarzellen zur Produktion erneuerbarer Energie installiert. Außerdem hat Brasilien extra ein neues Abfallgesetz zur WM eingeführt, um die Abfallbewirtschaftung und -entsorgung rund um die Stadien besser kontrollieren zu können. Die FIFA und das lokale Organisationskomitee wollen unter anderem auch den CO2-Fussabdruck des Turniers ermitteln, um daraus künftig Maßnahmen für die Reduktion von Emissionen abzuleiten. Wenn diese und weitere Aktivitäten wirklich konsequent umgesetzt werden, kann ich zumindest einige sehr positive Ansätze erkennen. Und auch wenn es sicher noch Punkte gibt, die verbesserungswürdig sind, so ist es doch ein erster Schritt, dass diese durch die große weltweite Aufmerksamkeit thematisiert werden und damit ein gewisser Druck entsteht.

Das Interview mit Nico Briskorn führte Susanne Blech, Redakteurin und Nachhaltigkeitsexpertin bei Nachhaltigkeit im Fußball.


CSR beim VFL Wolfsburg - Initiative "Gemeinsam bewegen"

CSR beim VFL Wolfsburg – Initiative “Gemeinsam bewegen” © VFL Wolfsburg

Über Nico Briskorn (CSR Manager beim VfL Wolfsburg)

Nico Briskorn (Jahrgang 1977) steuert seit Juli 2010 die Stabsstelle Corporate Social Responsibility (CSR) der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH. In dieser Funktion treibt er maßgeblich die Geschäftsentwicklung in den Themen Gesellschaft und Ökologie voran. Seine Kernaufgaben umfassen die Weiterentwicklung der CSR-Initiative „Gemeinsam bewegen“, deren strategische Verankerung im Verein sowie die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Nico Briskorn ist in verschiedenen Gremien und Arbeitsgruppen vertreten, unter anderem im Arbeitskreis für gesellschaftliches Engagement der Bundesliga-Stiftung. Bereits seit 2004 ist Nico Briskorn beim VfL Wolfsburg beschäftigt und verantwortete bis 2010 unter anderem die Themen Customer Relationship Management/Kundenclubs, seit 2008 in leitender Funktion. Nico Briskorn studierte Sportmanagement an der Universität Leipzig.

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