Nachhaltig arbeitende Clubführungen werden kommen
Dr. Theo Zwanziger © DFB
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Nachhaltigkeit im Fußball Redakteurin Susanne Blech und Portal Gründer Pierre Schramm im Interview mit Dr. Theo Zwanziger, alleiniger DFB Präsident von 2006 bis 2012 und seit 2011 Mitglied des FIFA-Exekutivkommitees


Nachhaltigkeit im Fußball (NIF): Herr Dr. Zwanziger, Sie waren von 2006 bis März 2012 alleiniger DFB Präsident und sind seit 2011 Mitglied des FIFA-Exekutivkommitees. Sie sind dafür bekannt den Austausch mit externen Experten nicht zu scheuen und haben für Anreize im Bereich Nachhaltigkeit nicht gezögert Experten aus der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in die DFB Nachhaltigkeitskommission zu holen. Ebenso setzen Sie sich für Transparenz und unabhängige Gutachter im Rahmen der FIFA Reform ein. Im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit sprechen Sie gerne von Mitmenschlichkeit. Ihr soziales Engagement hat Sie jedoch auch oft zu einem Alleingänger gemacht. Woher kommt Ihre Motivation mit so viel Vehemenz das Thema in verschiedenen Gremien voranzubringen?

Dr. Theo Zwanziger: Bevor ich auf die Frage eingehe, ist es mir wichtig, Mannschaft, Trainern und Betreuern hier noch mal herzlich zu ihrem großartigen WM Erfolg zu gratulieren. Das Sportliche ist das eine, das vorbildliche Auftreten, sympathisch und bescheiden, ist die wirkliche Botschafterrolle für unser Land. So wünschen wir uns die heutigen Deutschen, leistungsstark und gleichzeitig respektvoll anderen gegenüber. Nicht überheblich und großkotzig. Es war schön zu sehen, wie sensibel und fair sie mit den maßlos enttäuschten Brasilianern umgegangen sind.

Nun zu Ihrer Frage: Alleingänger war ich in meiner Amtszeit nie, ich habe allerdings versucht zu führen und zu überzeugen. Zu überzeugen dahingehend, dass nicht nur das, was auf dem Platz passiert wichtig ist, sondern aktives gesellschaftliches Engagement gleichberechtigt daneben stehen muss. Das gefällt nicht jedem, kostet Kraft und macht hin und wieder auch einsam. Gleichwohl werde ich mit oder ohne Ämter dieser Überzeugung immer treu bleiben.

Fußball vereint alle Schichten der Gesellschaft, grenzt nicht aus, deshalb ist dieses Spiel, wie kein anderes geeignet, Tabus zu brechen und Barrieren wegzunehmen. Man muss es nur wollen und die Macht, besser Gestaltungskraft, die ein DFB Präsident zweifelsfrei hat, mit denen zu teilen, die schwächer sind. Minderheitssituationen Aufmerksamkeit schenken, Frauenfußball fördern, sich glaubwürdig gegen Diskriminierung wenden, dies alles macht eine Gesellschaft in Wahrheit reicher und humaner.

Natürlich schlagen die Mächtigen auch mal zurück, Machos sind gerade im Fußball immer noch sehr stark verbreitet. Mit dieser Haltung mußte auch ich in meiner Amtszeit oft umgehen lernen, aber aus der Erfahrung meines Lebens und der deutschen Geschichte weiß ich, daß der oberflächliche Umgang mit Minderheitssituationen die große Gefahr des Machtmißbrauchs in sich trägt. Dagegen anzukämpfen, war und ist meine Motivation und ich würde mir sehr wünschen, wenn man gerade mit der Kraft dieses WM Erfolges in erster Linie an die 26000 Vereine an der Basis, ihr ehrenamtliches Wirken denken und gesellschaftliches Engagement weiter sichtbar machen würde. Das vereinbarte Länderspiel in Israel bewerte ich in diesem Zusammenhang als sehr gutes Zeichen.

NIF: In welchen Bereichen hat der DFB bereits erfolgreich soziale und ökologische Projekte umgesetzt und wie steht diesbezüglich der deutsche Profi-Fußball im internationalen Vergleich da?

Dr. Theo Zwanziger: Die Weltmeisterschaften 2006 und 2011 im eigenen Land haben uns deutlich vorangebracht. Wir haben uns mit der leidvollen Vergangenheit befaßt, die Rolle des Fußballs in der Nazi Zeit aufgearbeitet, in der Folge den Julius Hirsch Preis begründet, soziale und gesellschaftliche Stiftungen, zuletzt die Robert Enke Stiftung, ins Leben gerufen, mit vielen Projekten die Integration in unserer Gesellschaft vorangetrieben und nicht zuletzt mit Green Goal die ökologische Perspektive in unsere Aufgabenfelder einbezogen. Das ist eine ganze Menge und ich denke, wir stehen damit im internationalen Vergleich sehr gut da.

NIF: In Ihrer Funktion als DFB Präsident haben Sie im Jahr 2010 die DFB Nachhaltigkeitskommission ins Leben gerufen. Mit deren Einberufung und Wiederauflösung zum DFB-Bundestag 2013 hat der DFB zwei Zeichen gesetzt. Wie kam es zu dieser scheinbar gegenläufigen Entwicklung und wie sollte Ihrer Meinung nach die Arbeit der DFB Kommission fortgesetzt werden?

Dr. Theo Zwanziger: Warum die Kommission aufgelöst wurde, weiß ich nicht. Wie soziales und gesellschaftliches Engagement in einem großen Fußballverband letztlich zu organisieren ist, darüber mag man auch streiten können. Unverzichtbar bleiben für mich allerdings, wenn man nicht stehen bleiben will, zwei Dinge:

  • Die Einbeziehung unabhängiger kritischer Experten und das ständige persönliche und glaubwürdige Engagement der Führungsebene.
  • Fußball darf nicht nur Vergnügen, Emotion und Spektakel sein, der Sport kann mehr, dafür braucht er nicht nur Oberfläche sondern Tiefgang.

NIF: Ergebnisse von jüngsten Vereinsumfragen bei den Fans zeigen, dass insbesondere die junge Generation mehr gesellschaftliches Engagement der Fußballclubs einfordert. Ihnen ist darüber hinaus sicherlich das PETA Ranking der vegetarierfreundlichsten Bundesligastadien genauso bekannt wie der jährliche Hauptsponsoren-Ökocheck von Greenpeace. Wie ernst nehmen Sie solche Signale und wer sollte künftig der Treiber einer nachhaltigen Entwicklung im Fußball sein, die Bundesligisten, die Stadionbetreiber, der DFB, die FIFA, Verbraucherinitiativen oder die Fans?

Dr. Theo Zwanziger: Ich freue mich über all diese Signale, die Zukunft wird sich in diese Richtung entwickeln. Die Frage ist nur, wie schnell und ob die Fußballorganisationen Gas geben oder bremsen. Natürlich würde ich mich freuen, wenn gerade die großen Sportorganisationen ein zügiges Tempo vorgeben würden.

NIF: Moderne, zukunftsorientierte Unternehmen integrieren Nachhaltigkeitsmanagement in die Unternehmensführung und erkennen in der Investition das Potential zu Wertschöpfung, Imagegewinn und Legitimation. Warum stecken die Profi-Fußballclubs und die Fußballverbände trotz ihres Status als Wirtschaftsunternehmen diesbezüglich noch in den Kinderschuhen? Ist Ihrer Einschätzung nach eine moderne, nachhaltig orientierte Clubführung in den noch immer weit verbreiteten Vereinsstrukturen überhaupt möglich?

Dr. Theo Zwanziger: Ja, solche nachhaltig arbeitenden Clubführungen sind möglich und sie werden auch kommen, weil es immer mehr gut ausgebildete Führungskräfte auch in den Fußballorganisationen geben wird, die den Wert nachhaltiger zukunftsorientierter und verantwortungsbewusster Arbeit erkennen werden. Dieses Engagement stabilisiert die Marke, schafft Ansehen und Image.

NIF: Immer wieder sorgen Ausrüster oder Sponsoren für Negativschlagzeilen. Welche Wertebasis ist ausschlaggebend für eine Kooperation und welche Einflussmöglichkeiten bestehen seitens der Sportverbände? Kann und soll der DFB eine Vorbildfunktion übernehmen und eine konsequent nachhaltige Produktion der Ausrüstung durchsetzen?

Dr. Theo Zwanziger: Sportverbände haben beachtliche Einflussmöglichkeiten auf das Verhalten von Sponsoren, besonders Verbände wie der Fußball, die quasi eine Monopolstellung einnehmen. Insoweit ist es wichtig, die eigene Wertebasis auch einzubringen und nicht nur das kommerzielle zu sehen. Ich denke, hier sind aber schon gute Ansätze vorhanden, die verstärkt werden können. Für den Sport ist es in diesem Zusammenhang aber auch wichtig, dass ihm die notwendigen Erkenntnisse aus der Gesellschaft vermittelt werden. Man darf nicht übersehen, dass sich sein eigenes Personal und damit auch die Kompetenz im wesentlichen aus den sportlichen Berufslaufbahnen bildet.

NIF: Wird künftig ein konsequentes und umfassendes Nachhaltigkeitsmanagement Voraussetzung für die Lizenzierung sein bzw. wird es Ihrer Einschätzung nach auch im Fußball künftig Ökostandards geben?

Dr. Theo Zwanziger: Das ist für mich schwierig einzuschätzen, aus heutiger Sicht bin ich eher skeptisch. Aber gut Ding will Weile haben.

NIF: Welche Verantwortung tragen die Spieler und wie viel Vorbildfunktion kann man Ihnen zumuten? Zum Beispiel werden die Spieler der Top-Clubs alljährlich von den Sponsoren, medienwirksam inszeniert, mit den aktuellsten PS-Boliden ausgestattet. Die Parkplätze an den Trainingsgeländen gleichen inzwischen einem Showroom für Edelkarossen. Ist solches und ähnliches Verhalten im Kontext der Nachhaltigkeitsdebatte sowie der besonderen Vorbildfunktion der Spieler überhaupt noch zeitgemäß? An welchen Stellen würden Sie sich von den Spielern mehr Sensibilität und mehr nachhaltiges Engagement wünschen?

Dr. Theo Zwanziger: Spitzenspieler werden immer viel Geld verdienen und können sich dann auch teure Autos leisten. Daran ist überhaupt nichts auszusetzen. Ich denke aber auch, dass sich viele Spieler der aus ihrem Bekanntheitsgrad folgenden Vorbildrolle durchaus bewusst sind. Man darf sie insoweit aber auch nicht überfordern, denn sie sind, wie wir alle, keine Heiligen. Mit Stärken und Schwächen verantwortungsbewusst umgehen, Fehler nicht unter den Teppich kehren, sich entschuldigen, Unrecht wiedergutzumachen, das wären schon gute Signale für eine offene Gesellschaft.

NIF: Sie machen sich seit Langem stark für den Frauenfußball und eine Fußballkultur gegen Homophobie. Mittlerweile beläuft sich der Frauenanteil bei Bundesligaspielen auf ca. 25% und bei zahlreichen Proficlubs gibt es seitens der Fans schwullesbische Initiativen. Wie hat sich die Fanszene Ihrer Ansicht nach in den letzten Jahren verändert und wie glauben Sie würde sich die Fanszene verändern, wenn die Clubs auf eine nachhaltige Beschaffung setzen würden?

Dr. Theo Zwanziger: Es ist halt nichts so gut, dass es nicht noch besser werden könnte. Aber ganz ehrlich, gerade die Entwicklung des Frauen- und Mädchenfußballs, seine gestiegene gesellschaftliche Anerkennung in den letzten 10 Jahren, das macht mich schon sehr stolz. Natürlich wird es immer noch genug Machos geben, die das alles belächeln. Behutsam aber mutig Schritt für Schritt weitermachen, ist da mein Rat. Der Weg ist richtig. Genauso freue ich mich darüber, dass es in vielen Bundesligaclubs inzwischen schwul – lesbische Fan Clubs gibt. Sie tragen dazu bei, die sexuelle Orientierung von Menschen nicht weiter zu diskriminieren. Das Stadion kann, wenn dieser Weg intensiv weitergeführt wird, zu einem wirklich wertvollen Bereich, nicht nur im kommerziellen Sinn, in unserer Gesellschaft werden.

NIF: Worum ging es Ihnen in der FIFA Reform und welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?

Dr. Theo Zwanziger: Nach der Vergabe der WM 2022 nach Katar wurde der Schrei nach FIFA Reformen laut. Mir waren dabei 5 Punkte wichtig, die das Verhalten der Offiziellen, das anders als das der Spieler auf dem Platz nicht transparent ist, besser kontrollieren sollten. So wurde verbindlich eine Leumundsprüfung für Offizielle vor Ihrer Wahl eingeführt und durch eine unabhängige Compliance Kommission können die Finanzströme besser überwacht werden. Ganz wichtig auch, dass künftige WM Vergaben in offener Abstimmung durch die 209 Mitglieder des Kongresses und nicht, wie bisher durch 25 Mitglieder des Exekutivkomitees getroffen werden. Ein großer Fortschritt.

Der entscheidende Schritt war allerdings die Einsetzung einer wirklich unabhängigen Ethikkommission, die wie eine Staatsanwaltschaft und Gerichte in Rechtsstaaten funktioniert und damit Fehlverhalten von Offiziellen ohne Ansehen der Person bewerten und ahnden kann. In einigen Monaten erwarten wir den Bericht über die WM Vergaben nach Katar und Russland. Ich bin gespannt. Leider ist es nicht gelungen, meinen letzten Vorschlag nach Einführung einer Amtszeitbegrenzung umzusetzen. Man hat sich nicht verständigen können, so dass die erforderliche satzungsändernde Mehrheit, vorerst zumindest, unerreichbar bleibt.

NIF: Stichwort Financial Fair Play und Finanzierung. In den Statuten der Deutschen Fußball-Liga ist die 50+1-Regel verankert und Fans können als Vereinsmitglieder einen gewissen Einfluss ausüben. In anderen Ländern wie England oder Spanien sind Fußballteams nahezu ausschließlich im Besitz von Milliardären oder Unternehmen. Trotz der weitgehend schuldenfinanzierten Verhältnisse dieser Clubs, plädieren einige deutsche Vereinsmanager für die Öffnung der Bundesliga für Kapitalanleger. Wie beurteilen Sie die Auswirkungen der 50+1-Regel im Vergleich zu einer möglichen Liberalisierung im Kontext der Verantwortung der Bundesligisten zu mehr ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit? Welche Anreize für solides Wirtschaften gibt es?

Dr. Theo Zwanziger: Die 50+1 Regelung halte ich für vorbildlich, sie schließt weitgehend aus, dass sich sogenannte “Heuschrecken” des Vereinsfußballs bemächtigen. Aus meiner Sicht wird durch dieses System auch nachhaltiges Wirken nicht entscheidend behindert, im Gegenteil, es passt zu den Besonderheiten des Sports, die ja auch die EU inzwischen anerkennt.

NIF: Was verbirgt sich hinter dem Motto “Fußball ist Zukunft” und werden hier neben dem sozialen Aspekt auch bei ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit Schwerpunkte gesetzt?

Dr. Theo Zwanziger: Der Begriff “Fußball ist Zukunft” hat mit Nachhaltigkeit zunächst aus meiner Sicht wenig zu tun. Er sagt nur selbstverständliches aus, dass eben Fußball nicht Vergangenheit ist, sondern sich aus seiner aktuellen Stärke weiterentwickeln kann. Mehr als ein bloßer Marketingbegriff wird das Ganze aber erst dann, wenn alle, die einen solchen Begriff verwenden, sich auch Vorstellungen darüber machen, wie die Zukunft des Fußballs aussehen soll. Wollen wir Unterhaltung und Kommerz, oder auch wertorientiertes Handeln, Bildung und Erziehung für eine menschliche Gesellschaft? Man wird sehen.

NIF: Was steckt hinter der Idee des DFB-Umweltcups von 2012? Wird dieser künftig erneut ausgetragen?

Dr. Theo Zwanziger: Der DFB Umwelt Cup war und ist als Einstieg in eine ökologische Bildungsarbeit für die Jugendlichen in den Fußballvereinen gedacht. Also nicht nur Fallrückzieher und Doppelpass üben, sondern eben mehr. Wie es weitergeht, das kann ich nicht sagen, es ist immer Sache der jeweils Verantwortlichen.

NIF: Über welche Qualifikationen und Kompetenzen müsste Ihrer Meinung nach ein moderner Clubmanager des 21 Jahrhunderts verfügen, um seiner gesellschaftlichen Verantwortung, den ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten der Nachhaltigkeit und den Fans gerecht zu werden?

Dr. Theo Zwanziger: Er sollte eine breite und gute Ausbildung haben, Liebe zum Sport, gesellschaftliches und soziales Verständnis und müsste über den Tellerrand hinausschauen können.

Das Interview mit Dr. Theo Zwanziger führten Susanne Blech, Redakteurin und Nachhaltigkeitsexpertin bei Nachhaltigkeit im Fußball und Pierre Schramm, Gründer und Herausgeber von Nachhaltigkeit-im-Fußball.de.


Dr. Theo Zwanziger © DFB

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Über Dr. Theo Zwanziger

Der Jurist (Jahrgang 1945) gehörte seit 2001 dem Präsidium des DFB an. Seit Oktober 2004 zeichnete er sich als geschäftsführender Präsident, seit September 2006 dann als alleiniger Präsident, des größten deutschen Sportverbandes verantwortlich. Theo Zwanziger wurde am 6. Juni 1945 in Altendiez geboren. Dem ortsansässigen Verein, dem VfL Altendiez, dessen langjähriger Vorsitzender er war, ist er bis heute eng verbunden, nachdem er bis 1975 als Aktiver dort die Fußballschuhe geschnürt hatte.

Für seine Verdienste um den deutschen Fußball wurde Dr. Zwanziger beim DFB-Bundestag 2004 in Osnabrück mit der Goldenen Ehrennadel des DFB geehrt. Für sein gesellschaftliches Engagement erhielt Dr. Theo Zwanziger 2009 u. a. den Leo-Baeck-Preis und wurde im April 2012 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Weiterführende Links zu Projekten von Dr. Theo Zwanziger