Es braucht Partner, die Einfluss haben und glaubwürdig sind
Jörg Steinert, Geschäftsführer © LSVD Berlin-Brandenburg
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Nachhaltigkeit im Fußball Redakteurin Emmylou Gollnick im Interview mit Jörg Steinert, Pressesprecher und Geschäftsführer des „Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg“ (LSVD).


Nachhaltigkeit im Fußball (NIF): Herr Steinert, Sie engagieren sich seit nunmehr acht Jahren beim „Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg“ (im Folgenden als LSVD Berlin-Brandenburg bezeichnet, Anm. der Red.), sind inzwischen dessen Pressesprecher und Geschäftsführer. Was hat sie nach dem Studium der Politologie zu Ihrem Engagement im Verband bewogen?

Jörg Steinert: Nach dem Studium wollte ich mich vor allem für etwas einsetzen, das mir am Herzen liegt und Gerechtigkeit ist hier ein großes und wichtiges Thema für mich. In erster Linie kam ich über das Ehrenamt zu meiner Arbeit hier.

NIF: Mit Beginn Ihrer Tätigkeit beim LSVD haben Sie die Projekte „Respect Gaymes“ und „Community Gaymes“ ins Leben gerufen, mit dem Ziel, gesellschaftliche Vielfalt insbesondere auch im Sport zu fördern und bereits junge Menschen für das Problem der Diskriminierung zu sensibilisieren. Würden Sie nach sechs Jahren sagen, dass die Projekte etwas bewirkt haben und in welchem Ausmaß?

Jörg Steinert: Beide Projekte sehe ich als sehr erfolgreich an. Wir sind auch ständig dabei, sie weiterzuentwickeln und noch weiter zu verbessern. Zu den Community Gaymes wurde vor einigen Jahren bereits eine Studie veröffentlicht, die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Auftrag gegeben wurde. Diese hat uns sehr positive Ergebnisse bescheinigt. Unsere Workshops sind bei den Schülerinnen und Schülern beliebt und bewirken eine tatsächliche Veränderung, ein generelles Umdenken im Sinne von Gleichberechtigung und Antidiskriminierung – trotz Fokussierung auf Homosexualität. Auch das Lehrpersonal profitiert von diesen Projekten.

NIF: Im Juni 2010 hat der LSVD Berlin-Brandenburg mit „Soccer Sound“ ein Projekt auf den Weg gebracht, das den Fokus auf Deutschlands beliebteste Sportart, den Fußball legt. Die Kooperation mit dem Berliner Fußballverband (BFV) macht das Projekt einzigartig in ganz Deutschland. Schildern Sie uns doch kurz, was das Ziel dieses Projektes ist. Warum ist es so entscheidend, neben den Respect und Community Gaymes noch ein weiteres Projekt ins Leben zu rufen, das sich ausschließlich mit Diskriminierung im Fußball auseinandersetzt?

Soccer Sound - Fußball Projekt des LSVD

Soccer Sound © LSVD Berlin-Brandenburg

Jörg Steinert: Bei dem Projekt „Soccer Sound“ liegt der Fokus auf dem Fußball, auf den Vereinen und Verbänden, und darauf, an diesen Stellen gegen Homophobie anzugehen. Respect und Community Gaymes hingegen sind Aufklärungsprojekte, bei denen der Fußball und andere Sportturniere als ein Medium genutzt werden, um Jugendliche ansprechen zu können. Diese Sportereignisse sind ein Ort der Begegnung, zusätzlich zu den Workshops und Projekttagen in Schulen.

Gerade weil der Fußball die beliebteste Sportart in Deutschland ist, steht er bei „Soccer Sound“ im Vordergrund. Im Sport ist Homosexualität nach wie vor ein Tabu-Thema. Deshalb ist es wichtig, speziell dort mit einem weiteren Projekt anzusetzen.

NIF: Die positive Resonanz auf das Outing des Ex-Nationalspielers Thomas Hitzlspergers zu Beginn des Jahres gab Anlass zur Hoffnung, dass Homosexualität im Profifußball kein Tabuthema mehr ist. Dennoch hat sich bislang kein aktiver deutscher Profi-Fußballer offen zu seiner Homosexualität bekannt; der englische Fußballprofi Robbie Rogers trat unmittelbar nach seinem Outing zurück. Wie bewerten Sie dies? Würde ein Outing während der aktiven Laufbahn auch zum jetzigen Zeitpunkt tatsächlich noch immer gleichbedeutend sein mit einem Ende der Karriere?

Jörg Steinert: Das ist schwer einzuschätzen. Es ist aber davon auszugehen, dass es Profispieler gibt, die sich genau aus diesem Grund nicht outen; weil sie befürchten, ihre Karriere damit vorzeitig zu beenden.

NIF: Im Zuge der aktuell in den Medien diskutierten Homophobie-Vorwürfe gegen den als tolerant und weltoffen bekannten Berliner Sportverein Türkiyemspor sind Sie von Ihrer Position als Aufsichtsratsmitglied zurückgetreten und haben die Zusammenarbeit zwischen dem LSVD Berlin-Brandenburg und Türkiyemspor aufgekündigt. Warum war dieser Schritt als Konsequenz nötig und welche Resonanz haben Sie auf Ihren Rücktritt erhalten?

Jörg Steinert: Die Probleme haben mit dem neuen Aufsichtsrat begonnen, der 2013 gewählt wurde. Davor war die Zusammenarbeit gut. Mit dem Trikotsponsoring der 3. Herrenmannschaft durch den LSVD wurden die Konflikte schließlich sichtbar. Auf der einen Seite war und ist ein engagiertes Fußballteam. Und auf der anderen Seite steht ein rückwärtsgewandter Türkiyemspor-Vorstand. So wurde zum Beispiel die Kritik laut, man würde mit den Trikots die Gefühle von religiösen Eltern verletzen, deren Kinder im Verein Fußball spielen. All das gipfelte dann in einer Abmeldung der dritten Mannschaft vom Spielbetrieb, der schließlich nur nicht erfolgt ist, weil der Insolvenzverwalter eingegriffen hat, da der Verein auf die Mitgliedsbeiträge des Teams nicht verzichten kann. Diese Vorgehensweise entspricht überhaupt nicht dem, was der LSVD eigentlich erreichen wollte; das konnte ich nicht länger unterstützen. An dieser Stelle war ein klares Zeichen notwendig. Und das habe ich durch meinen Rücktritt gesetzt. Die Resonanz darauf ist sehr positiv ausgefallen, sowohl aus dem Verein und dessen Umfeld, als auch aus der Lesben- und Schwulen-Community. Bleibt zu hoffen, dass sich die liberalen Kräfte bei Türkiyemspor doch noch durchsetzen.

NIF: Teilen Sie die Meinung, dass die aktuellen Vorkommnisse ein Beleg dafür sind, dass das Thema Homophobie auch im Amateursport noch immer tief verbreitet ist, tiefer als sich das die Politik und die Gesellschaft eingesteht?

Jörg Steinert: Das Problem beim Thema Homophobie im Sport ist, dass Homosexualität in der Regel totgeschwiegen wird. Genau aus diesem Grund ist der LSVD auch bei dem anonymen Postfach involviert, das der Berliner Fußballverband eingerichtet hat. Sportler können dort anonym Hilfe bei verschiedenen Problemen erbitten. Schwule Fußballer, die sich outen möchten, werden an uns weitergeleitet und erhalten Unterstützung.

NIF: Was muss in Ihren Augen zukünftig (besser oder anders) gemacht werden, um die Anti-Diskriminierungsarbeit, insbesondere auch in gesellschaftlich so populären Sportarten wie Fußball, weiter voranzubringen und Rückschläge wie im Fall Türkiyemspor zu verhindern?

Jörg Steinert: Wir müssen Partner im Fußball und auch in anderen Sportarten finden, die Einfluss haben und die auch glaubwürdig sind, damit eine Veränderung, ein Umdenken, möglich ist. Wir werden also weiter dran bleiben und uns um solche bemühen. Man darf jetzt auf keinen Fall aufgeben. Es besteht natürlich immer die Gefahr, dass eine solche Partnerschaft nicht erfolgreich ist. Aber davon von vornherein auszugehen ist nicht zielführend.

NIF: Im Zuge von Thomas Hitzlspergers Coming-out titelte die F.A.Z. im Januar dieses Jahres „Der Frauenfußball lebt mit der Normalität der lesbischen Liebe“. Vergleicht man die öffentliche Diskussion und Wahrnehmung des Männer- und Frauenfußballs im Kontext Homosexualität miteinander, überkommt einen das Gefühl, dass männliche Profifußballer auf keinen Fall schwul sein können und homosexuelle Fußballspielerinnen absolute Normalität sind. Teilen Sie diese Wahrnehmung und wie erklären Sie sich diese?

Jörg Steinert: Es lastet sicher ein anderer Druck auf männlichen Profifußballern. Männerfußball bekommt medial und von den Fans eine viel größere Aufmerksamkeit. Gleichzeitig sind beide Gruppen mit unterschiedlichen Vorurteilen konfrontiert: Fußball wird in Deutschland als ein sehr „männlicher“ Sport betrachtet. Frauen, die Fußball spielen, werden aufgrund dieser Assoziation nach wie vor häufig klischeehaft als „Lesben“ abgestempelt. Im Gegensatz dazu scheint es im Männerfußball überhaupt keine Schwulen zu geben. Ich möchte mich hier auf Tanja Walther-Ahrens beziehen, die selbst Fußballerin und Sportwissenschaftlerin ist und die ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht hat. Ihr zufolge ist es für Frauen innerhalb der Mannschaft tatsächlich leichter, ihre Sexualität offen zu leben. Doch auch diese Akzeptanz stößt an ihre Grenzen, sobald es darum geht, die Öffentlichkeit mit einzubeziehen.

NIF: Welche Bedeutung sprechen Sie den inzwischen rd. 30 Deutschen Schwul-Lesbischen Fanclubs zu?

Jörg Steinert: Diese Fanclubs sind ein Wegbereiter für mehr Offenheit und Respekt und erfüllen damit eine wichtige Funktion. Trotzdem bleibt es wichtig, darauf hin zu arbeiten, den gesamten Verein zu erreichen. Es reicht nicht aus, einen Rückzugsort für Fans aus der LSBT Community zu schaffen. Stattdessen muss man daran arbeiten, dass Menschen unterschiedlicher Identitäten im ganzen Verein willkommen und akzeptiert sind.

NIF: Welche Verantwortung und Maßnahmen wünschen und erwarten Sie sich zukünftig beim Thema Homophobie, Toleranz und Integration von den nationalen und internationalen Fußball-Verbänden und insbesondere den Profi-Klubs?

Jörg Steinert: Sowohl die Verbände als auch die Profi-Klubs befinden sich in der Verantwortung, gegen Diskriminierung in ihren Vereinen vorzugehen. Gerade sie haben ja auch den Einfluss, etwas bewirken zu können. Von ihnen würde ich mir ein konsequentes Vorgehen gegen Homophobie wünschen, im Prinzip so, wie es inzwischen auch praktiziert wird, wenn es um Rassismus geht. Dem muss eine Enttabuisierung des Themas vorausgehen. Man kann ein Problem nur bekämpfen, wen man es auch bewusst wahrnimmt.

Lieber Herr Steinert, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview mit Jörg Steinert führte Emmylou Gollnick, Fußball-Kennerin und Redakteurin bei Nachhaltigkeit im Fußball.


Über Jörg Steinert

Jörg Steinert wurde 1982 in Zwickau geboren. Nach dem Zivildienst 2001 studierte er am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin Politikwissenschaften.

Seit 2010 ist Jörg Steinert Geschäftsführer und Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg (LSVD) und des Bildungs- und Sozialwerkes des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg. Zuvor war er als Projektleiter beim LSVD Berlin-Brandenburg bzw. bei dessen Bildungswerk für den Aufbau und Leitung der Projekte “Respect Gaymes“ und „Community Gaymes“ verantwortlich.

Von 2012 bis 2014 war er Mitglied im Aufsichtsrat des türkischen Berliner Fußballvereins Türkiyemspor.

 Weiterführende Links zu Jörg Steinert und zum LSVD Berlin-Brandenburg