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„Das institutionelle Gefüge so aufstellen, dass keine Anreize entstehen“

Moritz Förster im Gespräch mit Sportökonom Univ.-Prof. Dr. Christoph Breuer über Mehrfachbeteiligungen im Profi-Fußball und die potentiellen Gefahren hinsichtlich der Wettbewerbsintegrität.


Moritz Förster: Guten Tag Herr Breuer, zur Zeit debattiert man im Ligaverband über das Thema „mehrfache Minderheitsbeteiligungen“ – worum geht es dabei?

Christoph Breuer: Dieses Thema gehört in den Gesamtkontext der Integrität – insbesondere auch im internationalen Fußball. Aufgabe ist, Strukturen zu schaffen, die überhaupt keine Zweifel aufkommen lassen, dass die Integrität des sportlichen Wettbewerbs gefährdet ist.

Moritz Förster: Das Szenario sieht so aus, dass Mannschaften, an denen der gleiche Investor beteiligt ist, aufeinander treffen – und dieser Investor den Sieg eines Teams präferiert. Gibt es denn bereits Konstellationen, die Sie für bedenklich halten?

Christoph Breuer: Momentan würde ich die Gefahr der Spielmanipulation aufgrund eines solchen Szenarios im deutschen Fußball gering einschätzen. Gleichwohl besteht der Anreiz, den Gesamtnutzen des Unternehmens, das an Fußball Kapitalgesellschaften beteiligt ist, zu erhöhen und entsprechend einzuwirken.

Moritz Förster: In welchen Fällen sehen Sie diese Gefahr?

Christoph Breuer: Dafür, dass dieser Anreiz besteht, muss ich nicht einmal als Investor beteiligt sein. Bereits im Falle des mehrfachen Sponsorships gelten ähnliche Mechanismen. Dazu ein einfaches Szenario: Fünf Spieltage vor Schluss steht Team A im abgesicherten Mittelfeld. Team B kann entweder absteigen oder nicht absteigen oder aber einen Qualifikationsplatz für einen europäischen Wettbewerb erreichen. Ein Unternehmen hat als wesentlicher Sponsor beider Teams einen deutlich höheren Werbewert, wenn Team B nicht absteigt oder sich für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert. Als Investor von beiden Teams profitiert es natürlich ebenfalls von einem Sieg von Team B. Eine Regelung muss idealerweise so sein, dass überhaupt keine derartigen Anreize mehr bestehen.

Moritz Förster: Um den Spielausgang im eigenen Interesse zu lenken, müsste der Investor aber Einfluss auf Spieler und Trainer haben, wie soll denn so ein Einfluss überhaupt aussehen?

Christoph Breuer: Ohne das Feld der Spielmanipulation zu betreten, kann man positive Anreize setzen – z.B. indem man nur Gewinnprämien für einen Club ausschüttet. Und auch wenn ein Unternehmen keinen unmittelbaren Einfluss auf die sportliche Leitung und den Trainer hat, kann man seinen Standpunkt durchaus in Organisationsgesprächen einfließen lassen. Sobald ein Club nicht alles daran setzt, zu gewinnen, ist die Integrität des Spiels gefährdet. Allerdings ist es in der Tat unter normalen Voraussetzungen unwahrscheinlich, dass sowas passiert. Andererseits kommen, wenn man national und international die Fußballereignisse der letzten 15 Jahre revue passieren lässt, Dinge ans Tageslicht, die man vorher nicht für möglich gehalten hat.

Moritz Förster: Was wäre Ihr Vorschlag?

Christoph Breuer: Unter Wettbewerbsgesichtspunkten wäre die sauberste Lösung, wenn es keine Interessenskoalition gäbe. Beim Sponsoring existiert sicherlich keine schwarz-weiß Situation, sondern unterschiedliche Graustufen. Wenn ich in mehreren Stadien Bandenwerbung habe, ist dies sicherlich unproblematisch, wenn man allerdings bei mehreren Teams als Hauptsponsor einsteigt, sehe ich dies kritischer, weil dieser Sponsor dann wesentlich stärker vom sportlichen Erfolg profitiert. Ein weiterer wichtiger Punkt: Die internationale Diskussion zeigt, dass wir mehr Transparenz benötigen, um die Glaubwürdigkeit der Fußballorganisationen zu stützen.

Moritz Förster: Trotzdem erscheint die Vorstellung, dass ein Team aufgrund des Einflusses seines Geldgebers nicht alles daran setzt, zu gewinnen, doch etwas abstrakt…

Christoph Breuer: Die Herausforderung ist, das institutionelle Gefüge so aufzustellen, dass möglichst unter keinen Szenarien solche Anreize entstehen. Sonst müsste man darauf vertrauen, dass dies bislang nicht erforderlich war oder eine solche Vorsorge nicht möglich ist. Dies wäre mir aber zu riskant, da die Forschung gezeigt hat, dass wir Menschen uns immer wieder verleiten lassen.

Moritz Förster: Katar ist über Investmentfonds und als Trikotsponsor im europäischen Fußball verflochten. Auch Red Bull hat mit Leipzig und Salzburg wesentlichen Einfluss auf zwei Mannschaften. Entwickeln sich immer mehr Kartelle, in denen mehrere Clubs durch Synergien im Management und in der Transferpolitik voneinander profitieren?

Christoph Breuer: Dieses Szenario kann nicht ausgeschlossen werden, weil es kein entsprechendes Regelwerk gibt. Auch die Diskussion über sogenannte „Farmteams“ geht in dieselbe Richtung. Dort könnten Anteilseigner deutlich mehr Einfluss nehmen, nicht auf das einzelne Spielergebnis, aber auf die Personalentwicklung. Eine Welt besteht zwar aus Netzwerken, die zu diskutierende Frage lautet aber, ab wann sich diese von der Integrität her dysfunktional entwickeln. Streng wettbewerbsökonomisch ist dies dann der Fall, wenn Marktgesetze nicht mehr befolgt werden, weil es eine Preisabsprache gibt.

Moritz Förster: Wenn sich in solchen kartellartigen Gebilden Hierarchien zwischen den zugehörigen Clubs herausbilden, nach welchen Kriterien geschieht dies?

Christoph Breuer: Fußball ist eine Marketingmaßnahme für Unternehmen. Innerhalb eines Unternehmens gibt es hierarchische Marketingziele. Man würde evaluieren, wie wichtig der jeweilige Club im Rahmen des Erreichens der Marketingziele ist. In der Unternehmenszentrale wird ein Bewusstsein vorhanden sein, welches die in diesem Sinne wichtigere Mannschaft ist.

Herr Breuer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Christoph Breuer - Institut für Sportökonomie und Sportmanagement © Christoph Breuer

Christoph Breuer – Institut für Sportökonomie und Sportmanagement © Christoph Breuer

Über Christoph Breuer

Univ.-Prof. Dr. Christoph Breuer ist W3- Professor für Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule Köln und geschäftsführender Leiter des Instituts für Sportökonomie und Sportmanagement.

Von 2006 bis 2011 war er zeitgleich Forschungsprofessor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Seine Forschungsleistungen sind in wirtschaftswissenschaftlichen A-Journals sowie führenden sportökonomischen Zeitschriften international sichtbar. Arbeitsschwerpunkte bilden die Organisationsökonomik des Sports, die Aufmerksamkeitsökonomik sowie die ökonomischen Analyse des Wertes des Sports.

Prof. Breuer ist Mitglied des Finance and Administration Committee der World Anti- Doping Agency (WADA) und Gründungsmitglied der European Sport Economics Association. Ab Mai 2014 ist er Prorektor der Deutschen Sporthochschule Köln, verantwortlich für Ressourcen, Entwicklungsplanung und Qualitätsmanagement.

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