11mm – Fußball ist ein Kulturphänomen
11mm-Festivalleiter Christoph Gabler © Christoph Gabler
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Nachhaltigkeit im Fußball Redakteurin Susanne Blech im Interview mit 11mm-Festivalleiter Christoph Gabler vom Berliner Fußballkulturverein “Brot und Spiele e.V.”.


Nachhaltigkeit im Fußball (NIF): Herr Gabler, der Berliner Verein für Sport & Kultur „Brot & Spiele e.V.“ ist der Veranstalter des weltweit ersten und größten Filmfestivals rund um Fußball. Was gab den Anstoß einen Verein zur Förderung von Fußballkultur zu gründen und jährlich ein internationales Filmfestival rund ums Leder zu veranstalten?

Christoph Gabler: Als unsere Gründungsmitglieder 2003 die Idee hatten Brot & Spiele ins Leben zu rufen, ging es vor allem darum, eine Plattform zu schaffen, auf der die Bereiche Fußball und Kultur zusammen gebracht werden können. Damals rümpften viele noch die Nase, wenn man die These vertrat, dass Fußball Kultur ist. Zum Glück hat sich das in den letzten zehn Jahren gehörig geändert. Fußball-Artikel in Feuilletons sind normal geworden, das Fußball-Kulturmagazin “11Freunde” unseres Gründungsmitglieds Philipp Köster ist eines der wichtigsten Fußball-Magazine und wir müssen (fast) niemandem mehr Rechenschaft darüber ablegen, ob ein Fußballfilmfestival eine Daseinsberechtigung hat. Das Festival selber entstand damals auf Initiative meines Kollegen Birger Schmidt, der die Idee hatte, gemeinsam mit dem British Council, eine Filmreihe zu britischen Fußballfilmen zu veranstalten.

NIF: Als “Brot & Spiele” das Festival 2004 ins Leben gerufen hat,waren die Auswahlmöglichkeiten an Filmbeiträgen noch begrenzt. Zu sehen waren elf britische Filme. In zehn Jahren “11mm” haben es mittlerweile über 400 internationale Fußballfilme bei Ihnen auf die Leinwand geschafft. 2014 waren es ca. 60 Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und Kinderfilme. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Christoph Gabler: Dass Fußball ein Kulturphänomen ist, muss heute niemandem mehr erklärt werden. Und so wundert sich heute auch niemand mehr darüber, wenn ein Regisseur die Liebe zu diesem Spiel als Hintergrund für eine Liebesgeschichte oder roten Faden für eine Geschichte über den 2. Weltkrieg verwendet. Die Fußballfilmkultur war in anderen Ländern aber auch schon deutlich früher existent als in Deutschland. England, Spanien oder auch Skandinavien sind zum Beispiel Regionen bzw. Länder aus denen schon deutlich früher viele Fußballfilme kamen.

NIF: Welche Resonanz erfahren Sie seitens der Zuschauer?

Christoph Gabler: Die ersten Jahre im „kleinen“ Kino Central am Hackeschen Markt waren in Sachen Zuschauerzahlen nicht immer einfach. Dass Menschen Fußball mögen heißt noch lange nicht, dass sie sich automatisch auch für ein Fußballfilmfestival interessieren. Wir haben uns ganz langsam über die Jahre unser Publikum „erspielt“. Heute sind das in der Regel zwischen 3000-4000 Zuschauer an den 5 Festivaltagen und wir bespielen 3 Säle in unserem wunderschönen Festivalkino Babylon. Zu den Besuchern gehören klassische Fußballfans, die kommen um eine Doku über ihren Verein zu sehen, genauso wie zum Beispiel auch viele Filmbegeisterte, die sich sonst überhaupt nicht für Fußball interessieren. Und das ist dann für uns immer wieder das Schöne. Fußball und Kultur zusammen zu bringen war immer unser Ziel.

NIF: Jedes Ihrer Festivals steht unter einem anderen Schwerpunktthema. Für welche thematischen Schwerpunkte haben Sie sich in den vergangenen Jahren entschieden?

Christoph Gabler: In den geraden Jahren ergeben sich die Themen oft aus den anstehenden großen Fußballturnieren, also den Europa- und den Weltmeisterschaften. So hatten wir schon den englischen, den brasilianischen oder während der EURO in Polen und der Ukraine auch den ost-europäischen Fußballfilm als Schwerpunkt. Dazu war die Frauen-WM in Deutschland Anlass für das Thema „Frauenfußball im Film“ oder das 20jährige Jubiläum des Mauerfalls für das Thema „Fußball in der DDR“.

NIF: Gab es Schwerpunktthemen bei denen die Anzahl der Einreichungen bzw. der Besucher besonders hoch war?

Christoph Gabler: Es gab im Jahr 2007 das Thema „Fußballgötter“. Da ging es um Spielfilme und Dokumentationen über große Fußballidole. In dem Jahr haben wir einen großen Publikumsschub bekommen. Das war ein Thema, was sehr viele Leute interessiert hat. Und das merken wir weiter in jedem Jahr. Dokus oder Spielfilme über große Spieler oder Vereine kommen beim Publikum sehr gut an.

NIF: Ob ein Filmemacher den 11mm-Hauptpreis “Die Goldene 11″ mit nach Hause nehmen darf, entscheidet bei Ihnen das Publikum. Welche Filme wurden bereits mit dem begehrten Publikumspreis ausgezeichnet?

Christoph Gabler: Richtig, der große Festivalpreis wird bei uns vom Publikum vergeben. Das ist auch für uns in jedem Jahr spannend. Natürlich hat jeder von uns seine Favoriten und manchmal ist die Überraschung groß, wenn das Publikum dann eine ganz andere Wahl trifft. Aber grundsätzlich können wir sagen, dass unser Publikum einen wirklich guten Geschmack hat und meistens tolle Filme auswählt. Die Liste aller Gewinner hier aufzuzählen würde zu weit führen, aber dabei waren zum Beispiel der Film „Les yeux dans les bleus“ über das französische Team bei der WM 1998 in Frankreich oder „The Other Final“ über ein „anderes“ WM-Finale zwischen den zwei letztplatzierten Mannschaften der FIFA-Weltranglisten. Das waren Bhutan und Montserrat. Außerdem zum Beispiel „The Lost World Cup“ über eine Weltmeisterschaft, die von den Geschichtsschreibern vergessen wurde. Gewonnen haben den Preis übrigens bisher immer Dokumentarfilme. Die scheinen es leichter zu haben als fiktive Geschichten.

NIF: Welche Themen werden seitens der Filmschaffenden aktuell bevorzugt aufgegriffen und welche Themen werden, Ihrer Erfahrung nach, immer wieder eingereicht?

Christoph Gabler: Das lässt sich schwer sagen. Sicher spielen Filme über Vereine oder Spieler immer eine große Rolle. Dazu lässt sich zum Beispiel beobachten, das auch historische Themen vermehrt auftauchen.

NIF: Nach welchen Kriterien treffen Sie die Auswahl für das Festival-Programm?

Christoph Gabler: Das ist zumeist ein langer, schöner und anstrengender Prozess. Nach 11 Jahren Fußballfilmfestival haben wir einen Bekanntheitsgrad erreicht, der dafür sorgt, dass die Zahl der Einreichungen aus dem In- und Ausland schon ziemlich groß ist. Außerdem geht es uns wie allen Filmfestivals, durch die immer günstiger werdenden Produktionsmöglichkeiten steigt die Zahl der Filmproduktionen von Jahr zu Jahr. Bei uns muss jeder Film der zu- oder abgesagt werden soll, von mindestens zwei Mitgliedern der 11mm-Kerngruppe gesehen worden sein.

Einen Teil der Filme akquirieren wir aber auch aktiv. Wenn wir also zum Beispiel hören, dass eine spanische Produktionsfirma an einem Doku-Projekt über Lionel Messi arbeitet, dann nehmen wir oft schon lange bevor der Film fertig ist Kontakt auf. Das Ziel ist es, unseren Zuschauern in jedem Jahr alle wichtigen internationalen Neuerscheinungen zu präsentieren.

NIF: Mit welchen Kooperationspartnern arbeiten Sie für “11mm” zusammen?

Christoph Gabler: Auf der Sponsorenseite ist die Kulturstiftung des Deutschen Fußballbundes, die “DFB Kulturstiftung”, seit Jahren unser wichtigster Partner. Das ist eine wirklich tolle Zusammenarbeit ohne die wir unsere Arbeit so nicht machen könnten. Dazu kommen wechselnde Partner aus der Wirtschaft, die für die Umsetzung unserer Ideen ebenfalls sehr wichtig sind.

Darüber hinaus kooperieren wir zum Beispiel von Anfang an ganz eng mit dem Berliner Fanprojekt. Die helfen über Ihr Netzwerk oder ihre Infrastruktur. Seit einigen Jahren sind wir außerdem bemüht eng mit anderen Fußballfilmfestivals zusammen zu arbeiten, die sich nach uns weltweit gegründet haben. Solche Festivalpartnerschaften gibt es aktuell mit Rio de Janeiro, Paris, Barcelona, Bilbao und Yokohama. Wir hoffen sehr, dass weitere folgen werden.

NIF: Spielen bei Ihnen ihm Rahmen der Festivalorganisation Aspekte der Nachhaltigkeit, wie beispielsweise nachhaltige Beschaffung, eine Rolle?

Christoph Gabler: Durch die zunehmende Digitalisierung können wir das Kosten- und Ressourcen-aufwendige Verschicken von Filmkopien immer weiter reduzieren. Das ist für so manchen Cineasten natürlich nicht so toll, aber die Qualität der digitalen Projektionen ist mittlerweile schon so gut, dass wir an dieser Stelle versuchen nachhaltiger zu arbeiten. Ansonsten verstehen wir unter „Nachhaltigkeit“ aber zum Beispiel auch, dass wir ein eigenes Kinder- und Jugend Fußballfilmfest machen, in dem es um Themen wie Rassismus oder Bildung geht.

NIF: Neben dem erfolgreichen Filmfestival in Berlin organisiert “Brot und Spiele” auch weitere Veranstaltungen für die Förderung der Fußballkultur. Welche Projekte führen Sie derzeit durch?

Christoph Gabler: Das Filmfestival hat mittlerweile eine Größe erreicht, die es immer schwerer macht noch weitere Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Aber trotzdem sind wir sehr bemüht. Lesungen oder Vorträge zum Beispiel organisieren wir noch recht regelmäßig. Zuletzt gab es eine Lesung aus einem Buch über die Kulturgeschichte des Liedes „You’ll never walk alone“ und auch einen Vortrag über die soziale Verdrängung in brasilianischen Großstädten durch die WM und die Olympischen Spiele.

NIF: Was ist das “11mm” – Schwerpunktthema 2015?

Christoph Gabler: Das wird noch nicht verraten. Aber ich kann versprechen, dass wir einen sehr guten Jahrgang haben werden. Und dass das Thema „Vereine“ eine größere Rolle spielen wird, das kann auch gut sein…

Das Interview mit Christoph Gabler führte Susanne Blech, Redakteurin und Nachhaltigkeitsexpertin bei Nachhaltigkeit im Fußball.


© Brot und Spiele e.V.

Der Berliner Verein zur Förderung von Fußballkultur “Brot und Spiele e.V.” richtet jährlich das internationale Fußballfilmfestival 11mm aus.

Über Christoph Gabler

Am Ende seines Ethnologie-Studium forschte Christoph Gabler in Indien zum Thema „Identität, Globalisierung & Fußball“. Daraus entstand eine Arbeit über Manchester Untied-Fans in Calcutta. Nach seinem Studium leitete er das Berliner Kulturnetzwerk zur WM „Libero“ und stieg in das Team von „11mm – Das Internationale Fußballfilmfestival“ ein. Seit 2006 leitet er das Festival gemeinsam mit seinen Kollegen Andreas Leimbach und Birger Schmidt.

Neben der Arbeit im Bereich „Fußball & Kultur“ ist Christoph Gabler Gründer der Firmen „11Film“ und „Pro Anti Media“. In diesen arbeitet er als TV-Redakteur, Produzent und Mediencoach.

Links zu 11mm und zu Projekten von Christoph Gabler