Vielfalt ist wichtig für den Erfolg
Ex-Bundesligaspielerin Tanja Walther-Ahrens © Tanja Walther-Ahrens
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Nachhaltigkeit im Fußball Redakteurin Susanne Blech im Interview mit Tanja Walther-Ahrens, Ex-Bundesligaspielerin und Fußballerin in der Berliner Landesliga beim SV Seitenwechsel, Bildungsbeauftragte des Deutschen Fußballbundes, Deligierte der European Gay and Lesbian Sport Federation und Präsidialmitglied des Berliner Fußball-Verbandes.


Nachhaltigkeit im Fußball (NIF): Frau Walther-Ahrens, Sie sprechen über Themen, die andere gerne vermeiden. Als Ex-Bundesligaspielerin, leidenschaftliche Fußballerin beim SV Seitenwechsel, Delegierte der European Gay and Lesbian Sport Federation, Bildungsbeauftragte des Deutschen Fußballbundes und Präsidialmitglied des Berliner Fußball-Verbandes sind Sie seit langem mit viel Herzblut dabei, wenn es darum geht im Fußball mit Klischees aufzuräumen und tabuisierte Themen in die Öffentlichkeit zu tragen. Welche grundlegenden Veränderungen wünschen Sie sich in der Welt des Fußballs und auf welche Themen konzentrieren Sie sich im Moment?

Tanja Walther-Ahrens: Ich wünsche mir, dass der Fußball und alle daran Beteiligten endlich verstehen, dass Fußball nicht am Spielfeld aufhört und nicht im luftleeren Raum gespielt wird. Im Fußball, egal auf welcher Ebene. Ob im Breitensport oder Spitzensport, ob im Trainings- oder Spielbetrieb oder bei der Organisation von Vereinen und Verbänden: überall trifft Fußball auf Menschen, die sehr unterschiedlich sind, die aber die Leidenschaft zum Spiel vereint, egal ob als Spielende oder Fans oder auf der Funktionärsebene. Es wäre schön, wenn dieses Aufeinandertreffen von Unterschiedlichkeit dazu genutzt werden könnte, durch und mit Fußball nachhaltig zu wirken. Also schon den Kleinsten wichtige Werte zu vermitteln oder Trainerinnen klar zu machen, welche Machtposition sie da begleiten und das sie verantwortlich damit umgehen müssen oder Funktionäre dafür sensibilisieren, welche Möglichkeiten sie in einem Verein oder Verband besitzen, wenn es darum geht Persönlichkeiten zu entwickeln. Es reicht also nicht eine Satzung zu formulieren, die einen Anti-Diskriminierungsparagrafen enthält. Solche Paragrafen müssen auch mit Leben gefüllt und vorgelebt werden, sonst sind sie unglaubwürdig.

Viele reduzieren Fußball gerne auf das Spiel auf dem Feld und meinen es ist alles getan, wenn Teams und Verantwortlich das gerade aktuelle Spielsystem verstanden haben. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass ein Team oder ein Verein ein Spielsystem noch besser umsetzen kann bzw. noch erfolgreicher ist, wenn die grundsätzlichen Regeln des Miteinanders gelebt werden. Das fängt bei Eltern an, die das Team anfeuern und sich nicht über den Schiri aufregen oder gar ihr Kind kritisieren und hört bei Vereinsverantwortlichen im Profifußball auf, die wissen, welche Wirkung eine Aussage zum Beispiel zum Thema Homosexualität im Sport hat.

Fußball ist eine Weltreligion, es gibt so viele Orte auf der Welt, wo dieses Spiel gespielt oder bejubelt wird von so vielen unterschiedlichen Menschen, dass ich überzeugt davon bin, Fußball ist das ideale Medium um Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensentwürfen, Biografien, Ideen und Vorstellungen zu erreichen und gesellschaftliche Themen anzusprechen oder Werte zu vermitteln.

NIF: Warum lebt Fußball einerseits von Vielfalt und tut sich damit andererseits so schwer?

Tanja Walther-Ahrens: Nicht nur der Fußball lebt von Vielfalt und tut sich gleichzeitig schwer damit, das gilt auch für die Gesellschaft. Wir alle tun uns häufig schwer mit Neuem, mit Dingen und Menschen, die wir nicht kennen. Unbekanntes, Neues verunsichert häufig, macht teilweise sogar Angst, weil es ja etwas ersetzen könnte, was wir kennen, auf das wir schon lange vertrauen, wovon wir wissen was wir davon haben. Erst beim zweiten Hinschauen wird dann deutlich, welche Bereicherung dieses Neue auch beinhaltet, welche Vorteile es hat, dass wir so vielfältig und anders sind. All das sind Lernprozesse, die sicher auch durch den Fußball voran gebracht werden könnten. Denn dort wird besonders deutlich, wie wichtig die Vielfalt ist um erfolgreich zu sein.

NIF: Auch im Hinblick auf die Zukunft des Sports betonen Sie, dass Fußball nicht an den Begrenzungslinien des Fußballfeldes enden darf. Worauf beziehen Sie sich hier und worin liegt für Sie der Zusammenhang begründet zwischen einem Engagement abseits des Spielfelds und der Zukunftsfähigkeit des Sports?

Tanja Walther-Ahrens: Unsere Gesellschaft entwickelt sich immer weiter und verändert sich immer schneller. Auch an der Gestaltung der Freizeit geht dies nicht ohne Wirkung vorüber. Vereine, die noch funktionieren wollen wie vor 100 Jahren werden sicher nicht mehr lange überleben. Heute können Vereine nicht sagen „Wir machen Sport mit den Kindern und Jugendlichen, alles andere müssen andere klären.“ Vereine und ihre Verantwortlichen müssen auf das reagieren, was im alltäglichen passiert. Wenn ein Kind gemoppt wird, muss darauf reagiert werden. Wenn einzelne eines Teams diskriminiert werden, muss ich als Verein Verantwortung übernehmen. Wenn Kinder zu Hause keine Werte mehr vermittelt bekommen, muss ich diese Vermittlung als Trainerin übernehmen, weil sie auch für mein Team wichtig sind.

Ich glaube sogar, dass Vereine früher oder später auch mehr Betreuungsaufgaben z.B. in Form von Hausaufgabenbetreuung oder ähnliches übernehmen können oder gar müssen. Vereine bieten die Möglichkeit ein zu Hause zu haben. Einen Ort, den ich kenne, wo ich weiß auf wen ich mich wie verlassen kann. Dieses große Potential sollten Vereine in Kooperation mit Schulen oder Sozialarbeit und sozialen Projekten nutzen. Nur dann werden sie sie auch weiter überleben können. Die Mitgliedszahlen sind ja schon seit Jahren rückläufig. Der Sport alleine reicht also nicht um Kinder und Jugendliche in die Vereine zu locken.

NIF: Für die DFB-Nachhaltigkeitskommission haben Sie von 2011-2013 die Arbeitsgruppe Bildung geleitet. Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit im Fußball und um was ging es Ihnen in der Kommissionsarbeit? Welche Projekte konnten Sie erfolgreich anstoßen und wo sehen Sie nach wie vor Handlungsbedarf?

Tanja Walther-Ahrens: Nachhaltigkeit im Fußball heißt für mich, mein Tun zu reflektieren und mir meiner Verantwortung für meine Mitmenschen und die Umwelt bewusst zu sein. Und es heißt für mich jegliche Vielfalt zu zulassen, zu fördern und zu bewahren.

In der Kommission war es mir ein Bedürfnis ein Bindeglied zu sein um die Themen der anderen Bereiche wie beispielsweise Umwelt, Korruption, Anti-Diskriminierung zu bündeln und Wege zu suchen sie im und durch Fußball in die Welt zu tragen. Dazu haben wir zum Beispiel eine Trainerfortbildung entwickelt, die vorrangig die Persönlichkeitsentwicklung der Spielerinnen und Spieler im Blickpunkt hat und diese mit fußballspezifischen Übungen in den Vordergrund stellt. Auch hatten wir überlegt, wie eine interaktive online Variante einer Website oder ähnliches aussehen könnte, um Jugendliche sich spielerisch mit den oben genannten Themen auseinandersetzen zu lassen. Leider wurde dieses nicht mehr umgesetzt.

Handlungsbedarf besteht meiner Meinung nach auf alle Fälle in den Bereichen der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Trainerinnen und Trainern oder anderen Beteiligten am Trainingsprozess in allem, was nicht spieltechnisch oder –taktisch notwendig ist, aber ohne das auch kein Fußballspiel möglich ist: Teamgeist, Vielfalt, Fairness etc. Auch könnten hier plakative Aktionen zu einzelnen Themen, wie beispielsweise das ungeliebte Thema der Diskriminierung von Homosexuellen sicher einiges bewegen. Denn hierbei geht es vor allem um Sensibilisierung. Wobei der DFB oder Profivereine hier ihre Vorbildfunktion ideal nutzen könnten.

NIF: Das gesellschaftliche Miteinander und Fair Play ist für Sie ein zentraler Aspekt von Nachhaltigkeit. Für Ihr Buch “Seitenwechsel Coming-Out im Fußball” haben Sie viele SportlerInnen interviewt, die über ihre Homosexualität offen gesprochen haben. Warum hört im Profisport und insbesondere im Fußball das Miteinander dort auf wo sexuelle Vielfalt anfängt?

Tanja Walther-Ahrens: Auch hier ist der Fußball oder der Sport als Ganzes keine Ausnahme, auch wenn das viele so sehen wollen. Leider leben wir immer noch in einer Gesellschaft, in der Homosexualität noch lange nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Trotz schwuler Bürgermeister oder Außenminister oder lesbischer Moderatorinnen und Schauspielerinnen und queerer Gewinnerinnen des Eurovision Song contests. Viel zu häufig werden „schwul“ und „Lesbe“ als Schimpfwörter benutzt. Viel zu häufig gibt es gewaltsame Übergriffe gegenüber Homosexuellen. Bestimmte Parteien oder Religionen möchten nicht, dass Menschen wie ich heiraten oder Kinder bekommen bzw. adoptieren. Viele haben im Kopf, dass Homosexualität schmutzig und verwerflich ist und reduzieren es auf den kleinen Mittelteil „sex“, was komischerweise kein Mensch bei Heterosexualität tut. Der Sport und der Fußball, reproduziert somit einfach das, was in der Gesellschaft geschieht. Im Fußball potenziert sich das ganze noch ein bisschen, weil hier natürlich die Geschlechter-Diskusssion auch immer ganz wichtig ist bzw. die tradierten Rollenbilder: richtige Frauen spielen keinen Fußball, sondern nur Lesben, weil Fußball ja Männersport ist. Und Schwule können keinen Fußball spielen, die sind viel zu weich und zart.

Ein Coming-out ist auch im Jahr 2014 nichts, was Menschen einfach so tun, es ist immer verbunden mit Ängsten und Unsicherheiten. Nicht ohne Grund liegt die Selbstmordrate bei homosexuellen Jugendlichen wesentlich höher als bei heterosexuellen. Nicht ohne Grund outen sich viele Homosexuelle nicht in ihrem Berufsleben oder in ihrer Familie. Wieso also sollte es im Profisport einfach sein ein Coming-out zu haben. Da steht die Angst vor dem Verlust von Sponsoren und Fans vor. Beim Teamsport auch die Angst „Wie gehen meine Mitspielerinnen oder Mitspieler mit mir um?“

NIF: Welche Trends und Entwicklungen erleben Sie hinsichtlich Homosexualität im Männer- und Frauenfußball bei SpielerInnen und Fans? Welche Initiativen sind entstanden?

Tanja Walther-Ahrens: Vor allem aus der Fanszene sind viele Initiativen entstanden, so gibt es beispielsweise bei immer mehr Proficlubs schwullesbische Fanclubs, die für die Sichtbarkeit von Lesben und Schwulen im Fußball stehen oder auch die Initiative „Fußballfans gegen Homophobie“ die mit einem beeindruckenden Banner mittlerweile sogar durch europäische Stadien ziehen.

NIF: Sie beschreiben den Fußball als altmodisch und konservativ. Welche strukturellen Veränderungen bedürfte es für eine nachhaltige Modernisierung des Fußballs und welche Akteure sind hier angesprochen?

Tanja Walther-Ahrens: Die bereits erwähnte Vielfalt muss im Fußball nicht nur auf dem Platz einziehen, sondern auch auf der Funktionärsebene. Positionen mit Entscheidungsgewalt müssen von Frauen, Menschen mit unterschiedlichsten Nationalitäten oder Lebensentwürfen besetzt werden. Von Menschen, die bereit sind neue Ideen nicht nur zu entwicklen, sondern auch umzusetzen.

Keine leichte Aufgabe, da ehrenamtliches Engagement nicht mehr so begehrt ist. Es muss also auch am Image des Ehrenamtes gearbeitet werden, um es z.B. für junge Menschen attraktiv zu machen.

NIF: Welche Resonanz erleben Sie seitens der Fans hinsichtlich sozialem und ökologischem Engagement von Spielern/Spielerinnen, Clubs und Fußball-Verbänden? Ist nachhaltiges Engagement etwas womit sich punkten lässt?

Tanja Walther-Ahrens: Die Fans selbst leben zum Teil ja gerade dieses nachhaltige Engagement vor. Ich bin davon überzeugt, dass Vereine und Verbände nicht darum herum kommen sich nachhaltig und sozial zu engagieren, wenn sie erfolgreich sein wollen. Immer mehr werden Fans auch auf diese Aspekte schauen, wenn sie sich für einen Verein entscheiden oder Eltern, die einen Verein für ihr Kind suchen.

NIF: Wie müsste aus Ihrer Sicht ein moderner Clubmanager des 21 Jahrhunderts aussehen, um seiner gesellschaftlichen Verantwortung, den ökologischen und sozialen Aspekten der Nachhaltigkeit und den Fans gerecht zu werden?

Tanja Walther-Ahrens: Profivereine sind wie große Wirtschaftsunternehmen zu bewerten. Ihre Manager müssen also alles vorweisen, was auch im Wirtschaftsbereich gilt. Dabei sind auch immer mehr Kommunikative Qualitäten und vor allem die Vermittlung von moralischen und ethischen Werten zu nennen. Natürlich wird jedoch immer der sportliche Erfolg am meisten für die Bewertung eines Managers herangezogen werden.

Das Interview mit Tanja Walther-Ahrens führte Susanne Blech, Redakteurin und Nachhaltigkeitsexpertin bei Nachhaltigkeit im Fußball.


Seitenwechsel - Coming-out im Fußball © Tanja Walther-Ahrens

Seitenwechsel – Coming-out im Fußball © Tanja Walther-Ahrens / Verlagsgruppe Random House

Über Tanja Walther-Ahrens

Tanja Walther-Ahrens, geboren 1970 in Hessen und aufgewachsen in ländlicher Idylle mit Kühen und dem runden Leder. Nach mehrmaligem Gewinn der Meisterschaft der Landesverbände mit dem hessischen Auswahlteam in den 80er-Jahren erfolgte nach dem bestandenen Abitur und mit kleinen Umwegen der Umzug nach Berlin. Beginn des Studiums der Pädagogik und Sportwissenschaften und der erfolgreichen Karriere in der Bundesliga von 1992-1994 bei Tennis Borussia Berlin. Sportliche Herausforderung in den USA durch ein Sport-Stipendium am William Carey College, Mississippi von 1994 bis 1995. Danach spannende Jahre bei Turbine Potsdam in der Bundesliga von 1995 bis 1999.

Heute eine immer noch leidenschaftliche Fußballerin in der Berliner Landesliga beim SV Seitenwechsel. Seit 2006 Delegierte der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF). Von 2011 bis 2013 leitete sie die Arbeitsgruppe „Bildung“ als Teil der Kommission Nachhaltigkeit des Deutschen Fußball Bundes (DFB). Seit 2013 sitzt sie im Präsidium des Berliner Fußball-Verbandes. Hauptberuflich ist sie Sonderpädagogin.

2008 erhielt Tanja Walther-Ahrens zusammen mit Philip Lahm und Dr. Theo Zwanziger den TOLERANTIA-Preis. 2011 den Augsburg-Heymann-Preis und den Zivilcouragepreis des Berliner CSD

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