Kicken gegen die Hoffnungslosigkeit
Doreen Nabwire Omondi begleitete das Viva con Agua Team auf der Kenia-Tour 2014. Girls Unlimited übernahm für die NGO das Organisieren von speziellen Fußballaktivitäten, bei denen die Kinder spielerisch über die Bedeutung von Wasser aufgeklärt wurden © VcA
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Wie eine junge kenianische Fußballerin im Slum von Nairobi ganze Arbeit leistet

Ein Gastbeitrag von Doreen Nabwire Omondi


Für die Jungen und Mädchen in Kenia verkörpere ich Hoffnung. Als herausragende Profi-Fußballerin habe ich den widrigen Umständen, unter denen ich im Slum aufgewachsen bin, die Stirn geboten. Heute bin ich kenianische Nationalspielerin und habe für namhafte Fußballteams in Deutschland und den Niederlanden gespielt. Um das Leben der Kinder ein Stück weit zu verändern, die in Armut hineingeboren werden, kehre ich mit meiner Arbeit in den Slum zurück. Ich engagiere mich dort, wo sonst gerne weggesehen wird. Insbesondere in den ausgedehnten Elendsvierteln Nairobi’s werden die Kinder früh dazu verleitet Drogen zu konsumieren und in die Prostitution gezwungen. Durch den enormen Bevölkerungszuwachses nimmt die Kriminalität in der Stadt zu. Viele Jugendliche brechen die Schule ab und schließen sich Banden an. An dieser Stelle kommen wir mit Girls Unlimited ins Spiel.

Mit dem Ziel, die Kinder in Nairobi’s Elendsvierteln durch den Sport zu erreichen, gründete ich als aktive Fußballspielerin mit gerade einmal 23 Jahren meine eigene NGO. Girls Unlimited war zunächst eine sehr überschaubare Gruppe junger Frauen. Uns einte der Wunsch einfach etwas tun zu wollen, um den Kindern grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln und junge Talente zu fördern. Es dauerte nicht lange und unsere kleine, aber aktive Truppe war in ganz Nairobi bekannt.

Girls Unlimited nutzen Trainingspausen, um den Kindern Wissen zu vermitteln  © Girls Unlimited

Zwei Trainer von Girls Unlimited mit einer Gruppe von Kindern. Die NGO verbindet Fußball mit sozialer Arbeit und zeigt Kindern Perspektiven auf © Girls Unlimited

Das Interesse an den Aktionen von Girls Unlimited war immens und unser Team wurde rasch größer. Schulen fragten bei uns an, ob wir nicht den offiziellen “Schul-Spiel-Tag” gestalten könnten. Bei solchen Veranstaltungen kümmerten sich acht Trainer von Girls Unlimited, mich mit eingerechnet, für einen ganzen Tag um über 400 Schüler. Dazu sollte vielleicht gesagt werden, dass Sport in Kenia als eine außerschulische Aktivität betrachtet wird. Anders als in Deutschland wird Kunst, Musik und Sport in den meisten kenianischen Schulen keine Bedeutung beigemessen. Wie unterschiedlich diesbezüglich die Herausforderungen in den beiden Ländern sind, wurde mir im Laufe meiner Mitarbeit bei Werder Bremen, dem DJK Sportverband und RheinFlanke bewusst. Für die Deutschen ist Sport ein unverzichtbares Mittel für die Förderung der kindlichen Entwicklung. Entsprechend wichtig wird Sport in der Erziehung genommen. Ich kann mich daran erinnern, dass wir zu meiner Zeit bei Werder eine sogenannte “Ball-Schule” für Grundschüler angeboten haben. Als Gast-Coach ging ich untertags an die Schulen, um dort Trainings durchzuführen. Hier in Kenia gibt es so etwas nur an den Internationalen Schulen. Einblicke, wie darüber hinaus in Deutschland mit Hilfe von Fußball Sozialarbeit geleistet wird, konnte ich durch meine Mitarbeit bei der RheinFlanke GmbH gewinnen. Das war sehr interessant für mich, da ich ja in dem Bereich tätig bin und einst selbst, im Slum von Nairobi, wichtige Fähigkeiten durch das Fußballteam und die Aktivitäten der Mathare Youth Sports Association erlernt habe und weitergeben konnte.

Die kenianische Fußball-Nationalspielerin Doreen Nabwire Omondi stand 2014 beim 1FC Köln unter Vertrag © Doreen Nabwire Omondi

Doreen Nabwire Omondi zeigt Kölner Schülerinnen und Schülern, wie man aus Plastiktüten einen Fußball schnüren kann © Doreen Nabwire Omondi

Der Erfolg von Girls Unlimited wurde bald zu einer großen Herausforderung für unser ehrenamtlich arbeitendes Team. Nicht das Durchführen der Aktivitäten stellte das Problem dar, sondern uns fehlten ganz einfach die Räumlichkeiten, um uns zu treffen, unsere Weiterentwicklung zu besprechen und künftige Aktionen zu planen. Wir behalfen uns, in dem wir uns untertags in Minibars trafen, wenn diese nicht so voll waren. Gerade als Girls Unlimited begann sich einen Namen zu machen, wurde ich in den Niederlanden unter Vertrag genommen und war damit in jeglicher Hinsicht auf verlässliche Kooperationspartner in Nairobi angewiesen. In dieser Situation machte uns die NGO Seeds of Peace Africa International das großartige Angebot, in ihrem Büro einen separaten Raum nutzen zu dürfen. SOPA International setzt sich dafür ein, dass Kinder, junge Erwachsene und Frauen befähigt werden, sich an Friedensstiftung, nachhaltiger Entwicklung und Achtung der Menschenwürde zu beteiligen. Da unsere Aktivitäten mit dem Programm dieser Organisation übereinstimmen, stellte sich die räumliche Nähe für beide als Gewinn heraus. Zusammen mit SOPA International gründete Girls Unlimited dann auch recht bald die Seeds of Peace Foundation. Ziel der Stiftung ist es, auf kommunaler Ebene Kompetenzen für Organisations- und Verwaltungsstrukturen aufzubauen. Die Stiftung verwaltet die Ressourcen des Projekts und gewährleistet damit neben der Unabhängigkeit eine lebhafte, effektive und effiziente Programmgestaltung. Hierfür bin ich zuständig. Sowohl für die SOPA Stiftung als auch für Girls Unlimited plane ich täglich das Programm und stelle die erfolgreiche Umsetzung sicher. Ich übernehme darüber hinaus das Fundraising, verfasse die Berichte, organisiere Zusammenkünfte und stelle die Weiterentwicklung unserer Organisation sicher.

Girls Unlimited nutzen Trainingspausen, um den Kindern Wissen zu vermitteln © Girls Unlimited

Girls Unlimited hat für das Gestalten einiger Schul-Spiel-Tage mit der Stadt Köln kooperiert. Die Trainingspausen werden genutzt, um den Kindern Wissen zu vermitteln © Girls Unlimited

Die vielfältigen Aktivitäten unserer NGO reichen inzwischen von kommunalen und schulischen Projekten, dem Aufbau von Kompetenzen, wie beispielsweise die Ausbildung von Trainern, über die Organisation von Spieltagen und Fußballturnieren, dem Angebot von Informationsmaterial, bis hin zur Stakeholder Beratung. Mit Girls Unlimited sind wir vielfach auch im Namen von SOPA International und der SOPA Foundation unterwegs. Wir bemühen uns darüber hinaus um sichere Kinderspielplätze und die Bereitstellung von Sportausrüstung und haben wirklich alle Hände voll zu tun.

Neben meiner Arbeit für Girls Unlimited und die Stiftung, bin ich immer wieder auch für andere soziale Projekte tätig. Vor Kurzem habe ich beispielsweise mit Viva con Agua zusammen gearbeitet, einer NGO die sich weltweit für sauberes Trinkwasser und sanitäre Grundversorgung einsetzt. Der frühere Profi-Fußballer Benjamin Adrion vom FC St.Pauli hat den gemeinnützigen Verein im Jahr 2005 gemeinsam mit der Welthungerhilfe gegründet. VcA bat mich, ihr Team auf der Kenia-Tour zu begleiten und sie bei der Organisation von Fußballturnieren zu unterstützen. Mithilfe von Fußball und Kunst will VcA die Aufmerksamkeit junger Menschen gewinnen und diese für die Bedeutung von Wasser sensibilisieren.

Doreen Nabwire Omondi übernimmt für Vica con Agua Fußballturniere © Viva con Agua

Viva con Agua kooperierte mit Girls Unlimited für die Fußballturniere auf der Kenia-Tour 2014 © Viva con Agua

Das erste Turnier wurde von One Fine Day Films organisiert, einer von Tom Tykwer gegründeten Filmproduktion und Wohltätigkeitsorganisation. An diese Veranstaltung schloss sich ein Rap Workshop mit kenianischen und deutschen Musikern an sowie ein Konzert am Goethe Institut in Nairobi. Das nächste Fußballturnier beinhaltete einen “Wasch-Workshop” für Kinder, den ich mitten im Kibera Slum veranstaltete, einem der größten Slums Afrika’s. Die Veranstaltung begann mit einem Fußball-Techniktraining, das von Girls Unlimited angeleitet wurden. Die zentralen Lerneinheiten in den Trainingspausen waren korrekte Hygiene und Müllentsorgung, sicheres und unverschmutztes Trinkwasser sowie Händewaschen.

Viva con Agua kooperiert mit Girls Unlimited für Fußballturniere © Viva con Agua

Wasser darf nicht verschwendet werden. Ein Junge dribbelt mit einem Fußball um Hütchen und muss dabei einen Becher voll Wasser balancieren. Girls Unlimited übernahm auf der Kenia-Tour von Viva con Agua das Fußballtraining © Viva con Agua

Unser Ziel war es, 50 Kinder zu erreichen, aber wir erreichten weit über 70 Jungen und Mädchen. Zum Abschluss gab es noch ein aufregendes Fußballturnier zwischen den Kibera-Jungs und dem VcA All Stars Team, das dem kenianischen Gastgeber mit 0-4 unterlag. Neben den Fußballturnieren besuchten wir verschiedene Wasserprojekte, die VcA in den entlegenen und trockenen Gebieten Kajiado und Makindu unterstützt hatte.

Girls Unlimited stehen vergleichsweise äusserst bescheidene Mittel zur Verfügung. Der Grund warum ich wieder und wieder in die Slums zurückkehre, ist die Hoffnung, die ich am Leben erhalten möchte. Ich möchte denjenigen Hoffnung bringen, die daran glauben, dass wenn es Doreen geschafft hat, dass sie es dann auch schaffen können. Das gibt mir bis jetzt die Kraft weiterzumachen, auch wenn ich selbst in ausgesprochen einfachen Verhältnissen lebe. Ich war einst FIFA-Botschafterin für “Football for Hope”, aber diese rein ehrenamtliche Rolle dauerte nur einen einzigen Tag. Seither habe ich weder von der FIFA noch “Football for Hope” irgendetwas gehört. Die Hoffnungslosigkeit ist den Slums geblieben. Mein größter Wunsch ist es, dass Girls Unlimited bald die langfristige Unterstützung erhält, die wir benötigen, um unsere Arbeit vernünftig und mit aller Kraft fortsetzen zu können. Damit auch andere ihren Weg aus dem Slum finden.


© Doreen Nabwire Omondi

Die kenianische Fußball-Nationalspielerin Doreen Nabwire Omondi bringt Mädchen und Jungen nicht nur Fußball bei, sondern bereitet die Kinder aufs Leben vor.

Über Doreen Nabwire Omondi

Die aus Nairobi stammende Fußballerin (Jahrgang 1987) kickt seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr erfolgreich für die Frauen-Nationalmannschaft Kenias. Aufgewachsen im Slum, hat sich die Kenianerin ihren beruflichen Lebensweg hart erkämpft und gilt heute vielen Kindern als Vorbild. Doreen Nabwire Omondi, genannt Dodo, spielt bereits mit zehn Jahren in dem Fußballclub “Mathare Youth Sports Association” und engagiert sich innerhalb der Organisation früh als Trainerin und Teamleiterin für Aids-Prävention.

Im Jahr 2001 debütiert sie in der kenianischen Jugendnationalmannschaft bei einem Freundschaftsspiel gegen Äthiopien und wird später Mannschaftskapitän. Mit ihrem Team von MYSA gewinnt die talentierte Fußballerin 2006 die Straßenfußball-Weltmeisterschaft in Berlin und wird im darauffolgenden Jahr FIFA-Botschafterin “Football for Hope”. Sie gründet das soziale Sportprojekt Girls Unlimited und arbeitet zwischen 2006-2008 als Jugendtrainerin an der Deutschen Schule Nairobi. Im Jahr 2009 steht Doreen Nabwire Omondi als erste afrikanische Fußballerin bei Werder Bremen unter Vertrag. Darauf folgen Engagements beim niederländischen Erstligisten FC Zwolle und beim 1.FC Köln.

Das internationale Fußballfilmfestival 11 mm in Berlin zeigt 2009 mit “Zwischen Wellblech und Weltbühne” einen Filmbeitrag von Herbert Ostwald über das Leben von Doreen Nabwire Omondi. Mit dem Journalisten Herbert Ostwald, der selbst einige Jahre in Nairobi lebte, bringt sie anschließend ein Buch über ihr bewegtes Leben und ihren ungewöhnlichen Werdegang heraus.

Doreen Nabwire Omondi ist lizensierte UEFA Trainerin und baut, neben ihrer Initiative Girls Unlimited, in Nairobi eine Fußball-Akademie für Mädchen auf.

 

Weiterführende Links zu Doreen Nabwire Omondi

Buchveröffentlichung von Doreen Nabwire Omondi

Traumpass: Mein Weg aus den Slums von Nairobi auf die Fußballplätze EuropasGemeinsam mit dem Journalisten Herbert Ostwald erzählt Doreen Nabwire Omondi in ihrer 2011 erschienenen Autobiografie vom Leben in Armut, von Bürgerkrieg und Stammesdünkel, von Frauen und ihren Rollen, von der Geburt ihres Sohnes und wie sie es geschafft hat, eine gefragte Fußballerin in Europa zu werden. Das Buch über ihr Leben: Traumpass: Mein Weg aus den Slums von Nairobi auf die Fußballplätze Europas.