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Was der Wettbewerb aus uns macht

Ein Gastbeitrag von Dr. Alexandra Hildebrandt. Zuerst erschienen auf The Huffington Post.

„Verantwortlich handelnde Persönlichkeiten lassen sich durch Wettbewerb nicht erzeugen.”

„Wettbewerb erzeugt stromlinienförmige Angepasstheit, nicht aber Komplexität und Beziehungsfähigkeit. Auch nicht im Gehirn.” Schreibt Gerald Hüther in seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten”.

Verantwortlich handelnde Persönlichkeiten lassen sich durch Wettbewerb nicht erzeugen. Konkurrenzdruck verhindert die menschliche Entwicklung, und auch in der Evolution ist der Wettbewerb weder Grundlage noch Voraussetzung für wirkliche Weiterentwicklung, so die Meinung des Hirnforschers, mit der er nicht allein ist:

Wettbewerbe sind eifersuchtsgesteuerte Prozesse, bestätigt auch der Philosoph Peter Sloterdijk. Der größte Wettbewerb ist heute nicht mehr der Wettbewerb um Güter und Qualität sowie deren Kommunikation, sondern um „immaterielle Gratifikationen”. Er verweist in diesem Zusammenhang auf Hegel, der vom Kampf um Anerkennung als dem „eigentlichen Motor der Geschichte” spricht.

Es geht in der heutigen Erfolgs- und Wettbewerbsgesellschaft, die in ihren negativen Ausprägungen für Egoismus, Durchsetzungswillen und Konkurrenz steht, vor allem um Aufmerksamkeit und das Gefühl, etwas wert zu sein.

„In einer fluiden, oft entmaterialisierten Ökonomie, in der viel auf Image beruht, ist der erfolgreich, der es versteht, erfolgreich als erfolgreich zu erscheinen”, schreibt der Wiener Journalist Robert Misik (NZZ, 6.2.2015). Ohne Performanz keine soziale Geltung.

Freunde und Konkurrenten

Katja Kraus: Freundschaft - Geschichten von Nähe und Distanz

Katja Kraus: Freundschaft – Geschichten von Nähe und Distanz © S. FISCHER Verlag GmbH

Vor diesem Hintergrund ist das aktuelle Buch von Katja Kraus „Freundschaft (Leseprobe). Geschichten von Nähe und Distanz” (Fischer Verlag) ein wichtiger Impulsgeber. Die Autorin war acht Jahre lang im Vorstand des Hamburger SV. In ihrer Karriere als Torfrau wurde sie mehrfach deutsche Meisterin und mit der Nationalmannschaft Europa- und Vizeweltmeisterin.

Dieser biographische Hintergrund prägt auch ihre Sichtweise auf das Thema, etwa wenn sie ihre Gesprächspartner nach dem besten Freund oder der besten Freundin fragt. So antwortet der Autor Benjamin Lebert: „Ein bester Freund hört sich so sehr nach Sport an.”

Jeder seiner Freunde hat für ihn seine eigene Stellung und den eigenen Zugangscode. Auch Herbert Hainer, Vorsitzender des Vorstandes der adidas AG, kennt einen Wettbewerb, wie er ihn unter Politikern und Sportlern durchaus erlebt, aus der Geschäftswelt nicht.

Im Wesen der Freundschaft liegen für Katja Kraus durchaus auch „kleine Situationen des Miteinandermessens. Umso mehr, wenn die Leidenschaft oder der Beruf gleich sind”. Deshalb ist eine wesentliche Frage des Buches: Wie ist es, wenn eine Freundin plötzlich zur Konkurrentin wird?

Protagonisten aus Sport und Politik verwahren sich, so Kraus, „am resolutesten gegen Freundschaften in direkter Konkurrenz, weil die Ergebnisse unmittelbar messbar sind. Weil die Fragilität des aktuellen Erfolges den Freund zu demjenigen macht, der Nutzen aus der eigenen Antastbarkeit zu ziehen imstande ist. Aber es ist nicht nur die direkte Auseinandersetzung um Zeiten, Weiten, Wählergunst oder Delegiertenstimmen, die Loyalität und Bindung so zerbrechlich machen. Es sind die Veränderungen, die Erfolg oder Misserfolg, unterschiedliche Karrierewege in den Persönlichkeiten bewirken und Vertrautes auf die Probe stellen.”

Ein Kapitel ist der deutschen Weltklasseskifahrerin Maria Höfl-Riesch und dem Verhältnis zu ihrer Jugendfreundin Lindsey Vonn gewidmet. Vieles ist thematisch hingestreut zum „Auflesen” und Weiterdenken. So ist das Buch wie eine Saat, die weiter aufgeht, wenn die angerissenen Themen in Beziehung gesetzt werden mit anderen Publikationen und Quellen zum Thema.

Eine wertvolle Ergänzung zum Buchbeitrag ist beispielsweise der Beitrag von Christian Ewers „Auf der Kante” (stern 29.1.2015), in dem er sich Lindsey Vonn, der erfolgreichsten Skifahrerin aller Zeiten, und ihrem „Leben im permanenten Kampfmodus” widmet. Es ist für sie ein ständiger Wettkampf, denn sie will immer die Nummer eins sein und Grenzen verschieben.

Sogar in ihrer Beziehung mit dem Golfer Tiger Woods verwandelt sie den gemeinsamen Alltag und seine Rituale in einen Wettkampf mit einem imaginären Podest: „Wer steht morgens früher auf, oder wer ist schneller von der Haustür am Wagen.” Ihre Ehe mit dem ehemaligen Skiprofi Thomas Vonn hielt dem Leistungsdenken nicht stand. Der Ehrgeiz zerfraß die Beziehung.

Das Buch „Freundschaft” bestätigt in vielen Ansätzen, dass für Sportler womöglich jede Lebenssituation auf eine Weise ein Wettbewerb ist, „ein scharfer Pass, den es zu verarbeiten gilt”. So nimmt auch Christoph Metzelder das Anliegen von Katja Kraus, ihn als Interviewpartner einzuladen, so sicher an, „wie kürzlich noch als Verteidiger die Angriffsbemühungen des Gegners”.

Der Verteidiger wurde in der Saison 2001/02 mit Borussia Dortmund Deutscher Meister, gewann 2008 mit Real Madrid die spanische Meisterschaft und mit dem FC Schalke 04 in der Saison 2010/11 den DFB-Pokal. Er erkennt keinen Widerspruch in seinem ausgeprägten Bedürfnis nach Individualität und dem Konformitätsdruck einer „testosterongeladenen Leistungsgemeinschaft”.

An seinem Beispiel zeigt sich, dass Individualismus zwar eine Voraussetzung für Selbstverwirklichung ist – allerdings kann sie nur gemeinschaftlich gelingen. In westlichen Kulturen dominiert leider ein eher individualistischer, wettbewerbsorientierter Lebensstil mit dem Fokus auf Leistung und Status.

Warum Unternehmen heute umdenken müssen

Die US-amerikanische Professorin Rita Gunther McGrath hat in ihrem aktuellen Buch „Das Ende des Wettbewerbsvorteils” verschiedene Unternehmen untersucht und herausgefunden, dass Firmen, die über lange Zeit erfolgreich waren, von Managern geführt wurden, „die eine große Stabilität mit großer Dynamik kombiniert haben” (Süddeutsche Zeitung, 20.01.2015).

Stabil waren Werte wie die Unternehmenskultur und eine gute Nachfolgeplanung, aber auch Authentizität und Empathie. Sie verweist allerdings auch darauf, dass es Unternehmen aufgrund der aktuellen Herausforderungen immer weniger gelingt, langfristige Wettbewerbsvorteile nachhaltig zu gestalten und in einer schnelllebigen Geschäftswelt zu verteidigen.

Am 10. November 2010 schrieb Peter Sloterdijk in sein Tagebuch, dass die Spekulationen und Kommentare zum Zusammenbruch der Arcandor AG ein gemeinsames Merkmal haben: „Sie gehen wie blind über die Tatsache hinweg, daß in Konkurrenzsystemen modernen Typs Fehlschläge dieser Art ‚normal’ sind.”

Der Begriff Wettbewerb sei nur ein anderes Wort für ein Entwertungsrisiko, das bei ungeschickter Geschäftsführung aktuell wird. Es steht für einen Prozess, in dem es regelmäßig zum Kollaps von schwächeren Eigentumspositionen kommt, und zwar am meisten dort, wo das Bewerberfeld breit ist. In Insolvenz gehen heißt für den Philosophen „unter kontrollierten Bedingungen verlieren” (Zeilen und Tage. Notizen 2008-2011).

Unternehmer als Hoffnungsträger sind nach seiner Ansicht in der Pflicht zu zeigen, dass die marktwirtschaftliche Basis doch in einer operativen Wirtschaft liegt und nicht in einer „Diktatur der Lottokönige”. Dazu braucht es auch im Großen eine nachhaltige Wirtschaftsweise wie sie viele kleine und mittelständische Unternehmen pflegen. Selbstverständlich stehen sie als Unternehmen im Wettbewerb mit anderen in der Branche.

Allerdings hat der Begriff „Wettbewerb” für Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der memo AG in Greußenheim, einen negativen Beigeschmack, weil er nach wie vor zu eng mit dem klassischen Wachstumsbegriff verknüpft ist:

„Nur wer sich in einen harten und ‚gnadenlosen’ Wettbewerb mit anderen begibt, kann überleben. Das ist nicht unsere Philosophie, und wir setzen lieber auf Partnerschaft. Das bringt auch im zwischenmenschlichen Bereich mehr: Wer immer nur die Ellbogen ausfährt, wird diese über kurz oder lang selbst zu spüren bekommen.” Sie plädiert für eine solidarische Kooperation, in der persönliches Handeln die Verantwortungsübernahme für das Gemeinwohl einschließt.

Die wettbewerbsorientierte Variante einer negativen Kooperation erzeugt per definitionem Sieger und Verlierer. „Die Konkurrenz, der Wettkampf, das Kräftemessen, die Aufteilung in Stärkere und Schwächere, schließlich der Triumph beziehungsweise die Niederlage sind gewünschte Ergebnisse. Wettbewerbsorientierte Situationen tendieren dazu, in eine Überbewertung von Prestige, Einfluss und Macht zugunsten der Gewinner zu münden.” (Meinrad Armbruster)