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Absolut lebens- und livetauglich

Ein Gastbeitrag von Dr. Alexandra Hildebrandt. Zuerst erschienen auf The Huffington Post.

„Wenn du etwas locker aus dem Ärmel schütteln willst, musst du vorher etwas reingetan haben.”

Rudi Carrell

Bilanz der dritten Halbzeit

Es ist heute nicht mehr selbstverständlich, in der deutschen Medienwelt über dreißig Jahre zu überleben und sie auf eigene Weise „nachhaltig” zu gestalten. Waldemar („Waldi”) Hartmann, der sich selbst als „unterhaltender Journalist” bezeichnet, gehört zweifellos zu den bekanntesten und prägendsten Sportreportern in Deutschland. Nach dem legendären Interview am 6. September 2003 mit dem damaligen Teamchef Rudi Völler erlangte er endgültig Kultstatus. Es war die Geburt von „Weißbier-Waldi”.

2013 erschien seine Autobiographie “Dritte Halbzeit”. Sie ist ein „ganzer” Waldi, der nicht glatt und perfekt sein will, sondern nur „lebens- und livetauglich“, wie ihn der Sportjournalist Michael Horeni einmal liebevoll in der F.A.Z. beschrieben hat. Er schreibt, wie er spricht und denkt – mit dem Bewusstsein eines Mannes, den nichts mehr befremdet als Überheblichkeit, Respektlosigkeit und Besserwisserei. Fußball war für ihn immer etwas, das leicht erklärbar ist. Er wollte in seinen Sendungen immer so sprechen wie die Menschen „zu Hause auf der Couch oder in der Kneipe oder im Vereinsheim”. Sein Credo: „In einer Schönschreibecke kannst du den Mainstream nicht erreichen.”

Mit Recht verweist er in diesem Zusammenhang auf einige Medienhäuser, die derzeit mit Auflagenschwund kämpfen, ihre bislang größten Krisen durchleben und Task Forces einsetzen. Und das in einer Zeit, in der Journalisten ein größeres Publikum denn je erreichen und nie zuvor so vielfältige Möglichkeiten hatten, Inhalte zu vermitteln. Sie sollten sich seiner Meinung nach „vielleicht einfach mal überlegen, ob sie nicht am Leser vorbeischreiben”.

Echt wahr

Es gab nie eine Trennung zwischen dem Privat- und Fernsehmann, was ihn authentisch machte und unterscheidbar: „Ich stelle Waldi nicht dar, ich bin Waldi. Eins zu eins.”. Auch sein Buch zeigt nur diese eine Person – allerdings in einem Umfeld, das nicht immer „ganz echt” war. Es gibt zahlreiche Einblicke hinter die Kulissen von Sport, Politik, Medien und Wirtschaft. Was zum Vorschein kommt, ist oft ein tiefer und schmieriger Sumpf aus Geltungsdrang, Intrigen und Funktionsmacht. Häufig geht es hier mehr um Image als um Identität, also das, wofür man gehalten werden will. Nicht überall, wo „Selfie” drauf steht, ist auch „Selbst” drin. Und wer es der „Allgemeinheit” zum Verriss freigibt, muss sich nicht wundern über das, was übrigbleibt.

Waldemar Hartmann zeigt in seinem Buch, dass es möglich ist, sich nicht durch die Scheinwerte einer flüchtigen Welt bestechen zu lassen – dank der eigenen Gestaltungsmacht und Verbindlichkeit, die keine Denkeinschränkungen oder Vorurteile duldet. Und die Vereinbarkeit von Ernst, Humor und Spaß, die es in der deutschen Kultur so schwer hat. Warum? Weil hier alles eine Kategorie braucht, berechenbar sein muss, Spaß das Gegenteil von Pflicht und Ordnung ist und sich der Kontrolle entzieht. Im Italienischen bedeutet Spasso so viel wie Zerstreuung. Aber die braucht es eben auch, um sich selbst nicht so furchtbar ernst zu nehmen.

Eine der wichtigsten Lektionen des Buches besteht zweifellos in der Erkenntnis, dass es immer eine lockere Distanz zu sich selbst braucht, um mit den Überraschungen des Lebens klarzukommen. Denn es kommt bekanntlich immer anders, als man denkt. Und dass es keinen besseren Lebensplan gibt, als seinen eigenen Weg zu gehen, Routinen aufzubrechen, den ganz normalen Wahnsinn zu lieben und vieles auszuprobieren – auch das Scheitern. Zu einem anderen Preis ist Erfolg nicht zu haben.

Schon in jungen Jahren war Waldemar Hartmann nicht nur DJ, sondern auch Gaststätten-Besitzer: Als DJ musste er ein Gefühl für Stimmungen entwickeln. In der Kneipe war er der Erste, der kam und der Letzte, der ging: „Wenn ich einmal die Schnauze voll hatte, konnte ich nicht einfach aufstehen und gehen. Ich musste immer den Rücken des letzten Gastes sehen.” Das war für ihn eine profunde Ausbildung für das „Erkennen von Situationen, für den Umgang mit Menschen”.

Zum Jahresende, wenn die meisten „Bilanz” ziehen und auf das Jahr zurückblicken, ist ein solches Lebensbuch besonders zu empfehlen, denn es zeigt, dass es immer auch ein Stück eigene „Geschichte” ist, die sich darin wiederfindet, weil sie Möglichkeiten aufzeigt, etwas aus dem zu machen, was das Leben bereithält. Aber es zeigt auch den Zwiespalt, in dem viele Menschen stecken, die sich ausgebremst, von anderen unterschätzt oder zur falschen Zeit am falschen Ort fühlen. Freudlos.

Management by Waldi

Von Waldi lernen heißt Leben lernen. Und arbeiten. Beides gehörte für ihn immer zusammen. Echte Berufung eben. Denn Arbeit, die man gern macht, ist keine Verpflichtung, sondern Vergnügen. Ordentliche Arbeit, angemessene Entlohnung und Selbstbestimmung sind ihm bereits in jungen Jahren sehr wichtig gewesen. Geschäfte sollen auch Spaß machen – und nachhaltiger Profit fröhlich.

Ja, es braucht mehr „Waldis” in allen Bereichen der Gesellschaft. Diese kreative, mutige und frei denkende Spezies ist vom Aussterben bedroht, weil häufig die Rahmenbedingungen fehlen, in denen sie sich nachhaltig entfalten kann. Es ist doch „merk-würdig” im besten Wortsinn, dass Spaß, Abwechslung, Originalität und Kreativität in der Wirtschaft zu den Wachstumsbrachen gehören, aber viele politisch korrekte Manager und konservative Funktionäre in Sport und Medien so gar keine Freude am Lustgewinn haben. Dabei könnten sie von Waldi und Sigmund Freud gleichermaßen lernen, dass er Aggressionen umleiten, Ängste abbauen und gequälten Seelen auch Trost bieten kann. Es würde auch weniger Mobbing geben.

Kein Scherz

Leider haben einige Menschen, die sich durch wenig Intelligenz auszeichnen, ein Problem mit heiterer Gelassenheit, dem Locker-Leichtem und Unkontrollierbaren, weil das für sie ein Angriff auf das System ist. Es macht ihnen Angst, weil es ihre geschlossene und hierarchische Gesellschaft öffnen und sie in ihrer Unnatürlichkeit erkennbar machen würde. Dabei sollte gerade auch im Sportbereich neben der Muskelkraft Humor als „Fitnessfaktor” der menschlichen Evolution eine Rolle spielen. Wer Spaß versteht, verfügt auch über Klugheit (ohne die es keine Selbstorientierung gibt) und eine große Vorstellungskraft, sagt der Zürcher Humorforscher Willibald Ruch.

Wer lacht, hat genügend Kapazitäten frei, die Zukunft zu gestalten – auch wenn es die dritte Halbzeit ist. Dem Humor, den Anfängern und Klugen gehört die Zukunft – auch wenn sie nicht immer genau wissen, was zu tun ist und sich nicht ständig absichern. Wichtig ist doch zu erkennen, „dass” etwas zu tun ist im Bewusstsein, Dinge auch geschehen zu lassen, um daraus kluge Schlüsse zu ziehen. Und das ist ganz ernst gemeint.

Weiterführende Links zu Waldemar Hartmann