Wellen der Empörung – Calhanoglu erntet Shitstorm
Calhanoglu erntet Shitstorm in den sozialen Medien - © Bild-Quelle: funky1opti
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Hakan Calhanoglu, ein zwanzigjähriger Mittelfeldspieler des Hamburger SV, ist für vier Wochen krank geschrieben, und vielen Menschen in den sozialen Netzen gefällt das nicht. Während am späten Mittwochabend Russland und Südkorea in Cuiabá noch um WM-Punkte stritten, rauschte eine Welle der Empörung durch Twitter.

Was war geschehen?

Im Februar dieses Jahres verlängerte Calhanoglu, der als eines der größten Talente der Bundesliga gilt, seinen Vertrag bei den Rothosen vorzeitig bis ins Jahr 2018. Nur drei Monate später bereute er offensichtlich diese Entscheidung und gab in einem Interview mit Sport-Bild bekannt, dass er seine sportliche Perspektive für die kommende Spielzeit beim Ligakonkurrenten Bayer 04 Leverkusen sehe. Die Werkself bestätigte ihr Interesse an Calhanoglu und bot dem HSV eine Ablösesumme von angeblich 12,5 Millionen Euro. Dumm nur, dass die Verantwortlichen an der Elbe schnell klar machten, einem Wechsel des türkischen Nationalspielers ins Rheinland nicht zuzustimmen. Der in den Medien klar geäußerte Wechselwunsch Calhanoglus sowie eine entsprechende Erklärung seiner Berater unmittelbar vor den für den Bundesliga-Dino überlebenswichtigen Relegationsspielen sorgten für Empörung bei den Fans der Hamburger, der sie in den sozialen Netzen wortgewaltig Luft machten.

Am Mittwoch dieser Woche, nur einen Tag vor dem Trainingsauftakt beim Hamburger SV, wurde Calhanoglu dann von einer Spezialistin für Neurologie und Psychologie aus Heidelberg für zunächst vier Wochen krank geschrieben. Auslöser der mentalen Probleme Calhanoglus seinen die Beschimpfungen und Beleidigungen in den sozialen Medien, denen der junge Spieler nach seinem öffentlich formulierten Wechselwunsch ausgesetzt war.

Nun ist die Empörung erneut groß, doch die Reaktionen von Teilen der Anhänger sind in meinen Augen pharisäerhaft. Es ist gut und richtig, dass auch im harten Geschäft des kommerziellen Sports moralische Werte gelten sollen. Nur vermag im Endeffekt niemand wirklich zu beurteilen, welche Zusagen Calhanoglu von Seiten des HSV bezüglich eines möglichen Vereinswechsels gemacht wurden. Das System Profifußball erzieht die Spieler dazu, jeweils zu dem Klub zu wechseln, bei dem der Gehaltsscheck am größten und die sportliche Perspektive am besten ist. In der Nahrungskette der Bundesliga bedient sich Bayern in Dortmund, Dortmund in Gladbach oder Leverkusen und diese wiederum in Hamburg oder Frankfurt.

Schlimm wird die ganze Angelegenheit, wenn ein Zwanzigjähriger wie im aktuellen Fall wochenlangen Anfeindungen in der Öffentlichkeit ausgesetzt ist. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob er sich moralisch einwandfrei verhalten hat oder vielleicht doch auf die falschen Berater hört, um einen Wechsel nach Leverkusen zu erzwingen. Ich bin einiges älter als Hakan Calhanoglu, vermag mir aber nicht vorzustellen, welche Wirkung eine solche Situation auf mich hätte. Es fällt mir jedenfalls nicht schwer zu glauben, dass unter diesen Gegebenheiten Ängste und mentale Probleme entstehen können.

Man muss nicht erst die Tragödie um Robert Enke oder das Schicksal von Sebastian Deisler bemühen, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass psychische Probleme und Depressionen bei Spielern der Bundesliga eine traurige Realität sind. Erst im April dieses Jahres veröffentlichte die Interessenvertretung für Profifußballer FIFPro eine internationale Studie zu Depressionen und Angstzuständen unter Berufsfußballern. Das Ergebnis war ernüchternd: Von 180 befragten aktiven Spielern gaben 26 Prozent an, unter mentalen Erkrankungen zu leiden. Eine Zahl, die laut FIFPro über den Werten der Gesamtbevölkerung liegt.

Alle Beteiligten, ganz besonders aber die Fans, die diesen Sport doch so lieben, täten deshalb gut daran, denn verbalen Ball in Zukunft deutlich flacher zu halten.