Lexikon der Nachhaltigkeit / Gesellschaft & Soziales

Rassismus im Fußball – ein Spiegel der Gesellschaft?

Rassismus ist in erster Linie ein Abfallprodukt der bürgerlichen Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Es handelt sich hierbei um eine Ideologie, die bestrebt ist, soziale Verhältnisse aus dem projizierten Kollektivcharakter bestimmter Menschengruppen abzuleiten. Dabei werden gesellschaftliche Missstände personifiziert sowie naturalisiert und die Verantwortlichkeit für diese einer “Rasse”, einem Volk oder heutzutage vor allem einer Kultur zugeschrieben. Von reiner Fremdenfeindlichkeit unterscheidet sich der Rassismus durch seine scheinbare Wissenschaftlichkeit. Dieser Sozialdarwinismus ist bestrebt, aus dem Phänotyp die Ungleichwertigkeit von Menschen abzuleiten beziehungsweise diesen Menschen das Menschsein an sich abzusprechen. Oft zeigt sich diese Entmenschlichung in der Verwendung von Tiermetaphern.

Rassistische Denkmuster und hierbei vor allem jene latenten Formen, die von der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland nicht als rassistisch wahrgenommen werden, sind auch in der heutigen Gesellschaft ungeheuer weit verbreitet.

So kann es schließlich kaum verwundern, dass Fußball kein rassismusfreier Raum ist und zumindest als Spiegel der Gesellschaft gesehen werden muss. Zu klären wäre jedoch, inwieweit eine Zuspitzung des Rassismus im Fußball zu beobachten ist.

No to Racism - Anti Rassismus Kampagne der UEFA

No to Racism – Anti Rassismus Kampagne der UEFA © Ivica Drusany / Shutterstock.com

Rassismus in der Kultur des Fußballs

Zu den gezielten Erscheinungen von Rassismus in der Fußballkultur gehören die direkten Diskriminierungen von schwarzen Spielern. Durch Affenrufe oder das Werfen von Bananen auf das Spielfeld wird der betreffende Spieler der gegnerischen Mannschaft entmenschlicht. Der Leipziger Fußballspieler Adebowale Ogungbure versuchte, mit dem Zeigen des Hitlergrußes auf diese für die betroffenen Menschen unerträglichen Zustände innerhalb des Sports aufmerksam zu machen. Auch der verbreitete und vereinsunabhängige Gesang “Besiktas, Trabzonspor, Galatasaray, Fernebace Istanbul. Wir hassen die Türkei!” ist eindeutig als gerichtete rassistische Äußerung zu erkennen.

In der Fußballkultur in Deutschland lässt sich eine weitere Artikulation von Rassismus ausmachen. Diese wird in der Forschung als “Rassismus ohne Rassen” bezeichnet und richtet sich nicht explizit gegen die Gruppe, sondern versucht deren negative Aura auf eine andere zu übertragen. Ein besonders prägnantes Beispiel ist das allgemein bekannte Transparent, das Fans des Dynamo Dresdens als Juden bezeichnete und somit versuchte, sie abzuwerten. “Jude” und “Zigeuner” werden in diesem Kontext eindeutig und ausschließlich als Beleidigungen verwendet und verstanden. Jedoch ist es gefährlich, zu denken, dass es sich um eine bewusstlose und somit weniger bedrohliche Form von Rassismus handeln würde. Auch dieser instrumentelle Rassismus ist weit mehr als nur ein Mittel zum Zweck des Auslebens von Vereinsrivalitäten.

Zwei Fangesänge zeigen deutlich, wie existierende Vernichtungsphantasien abgerufen werden und wie der latente Rassismus regelmäßig zum manifesten Ausdruck gebracht wird:

“Wir bauen eine U-Bahn von [Name der gegnerischen Stadt] bis nach Auschwitz.”

“Scheiß Parasiten, Hängt die Zigeuner von Schalke 04!”

Dass diese Wünsche radikale Realität werden können, zeigten in der jüngeren Vergangenheit Deutschlands die Pogrome des Volksmobs von Rostock-Lichtenhagen.

Erschreckend ist vor allem das Einstimmen von Menschen, die definitiv in ihrem sonstigen Leben keine manifesten Rechtsradikalen sind. Hier zeigt sich die Anschlussfähigkeit von Rassismus und dessen Funktion der Kollektivbildung in der Fankultur.

Rückwirkung des Rassismus aus dem Fußball in die Gesellschaft

Die gewalttätigen Ausschreitungen von 4000 rechtsradikalen Hooligans (HoGeSa) in Köln am 26. Oktober dieses Jahres stellten für viele Beobachter in Deutschland ein Novum dar. Doch nicht die Gewaltausübung von Menschen aus dem Hooliganspektrum ist das wirkliche Neue, sondern vielmehr der vereinsübergreifende Zusammenschluss an sich.

Politische Bündnisse von Fangruppen, wie die Hooligans gegen Salafisten, sind ein Phänomen, das in vielen europäischen Ländern seit einiger Zeit in der Gesellschaft fest verankert ist. In Deutschland hingegen scheint es sich als spätes Ergebnis des neuen Hurra-Patriotismus erst zu etablieren. Der massive Zuspruch zu der Veranstaltung zeigt jedoch, dass der Rassismus in der Hooligan-Kultur mittlerweile bedeutender ist als die bestehenden Vereinsrivalitäten. Die Tatsache, dass die Ausschreitungen von bekannten Rechtsradikalen organisiert wurden, nimmt der Veranstaltung nichts von ihrer Brisanz, sondern zeigt sehr deutlich die Überschneidungs- und Anknüpfungspunkte von Hooliganismus und rechtsradikaler Ideologie auf.

Rassismus / Diskriminierung im Fußball - UEFA Kampagne "Respect"

Rassismus / Diskriminierung im Fußball – UEFA Kampagne “Respect” © Ivica Drusany / Shutterstock.com

Rassismus als Grundstruktur des Fußballs?

Rassismus ist in seinen latenten Ausprägungen bei vielen Menschen verbreitet und obwohl es inzwischen einige Projekte von Fans (z.B. Fußballfans gegen rechts und BAFF) gibt, die sich dem entgegenzustellen versuchen, lässt sich Rassismus auch im Fußball vorfinden.

Die allgegenwärtige Norm “Keine Politik im Stadion” erschwert die Arbeit jener Gruppierungen gegen Rassismus jedoch ungemein. Allzu oft werden engagierte Menschen eher als Nestbeschmutzer betrachtet, als dass ihre Arbeit gewürdigt wird.
Im Sport im Allgemeinen und im Bereich des Fußballs im Besonderen findet sich eine Kultur, die der entpolitisierten Gesellschaft entspricht beziehungsweise aus ihr entspringt und sich letztendlich eventuell sogar radikalisiert.

Darüber hinaus sollte jedoch auch die Frage gestellt werden, die fußballbegeisterte Menschen nicht gerne hören und die deshalb meist ausgeblendet wird: Inwieweit ist Rassismus in der Grundstruktur des Fußballs angelegt? Ist also eine Kritik des Rassismus im Fußball nicht auch eine Kritik am Fußball selbst beziehungsweise zumindest eine Kritik der bestehenden Fankultur? Eben jener daraus erwachsene Vergleich mit der restlichen Gesellschaft könnte beantworten, ob es sich bei dem Rassismus im Fußball ausschließlich um einen Ausdruck der gespiegelten Gesellschaft handelt.

Weiterführende Links zum Thema Rassismus im Fußball: