Das Ende von 50+1 und die Konsequenzen
Infront - Übernahme durch chinesischen Investor © smileimage9 / Shutterstock.com
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Wer nicht mitmacht, ist raus

Von Moritz Förster

Die DFL wird in naher Zukunft eine Grundsatz-Entscheidung treffen müssen: Investoren, die einen Fußballclub 20 Jahre lang „ununterbrochen und erheblich gefördert“ haben, dürfen diesen nach dem Urteilsspruch eines Schiedsgerichts im August 2011 mehrheitlich übernehmen. Was aber bedeutet das Adjektiv „erheblich“, über das man beim flüchtigen Lesen fast hinweg sieht? Man darf auf Definitionen durch den Ligavorstand gespannt sein, wenn – wie es im Falle von Hannover 96 aktuell den Anschein hat – ab 2018 aus Theorie Praxis wird. Gespannt sein darf man aber auch, wie das Publikum reagiert, wenn aus Fußball noch mehr Entertainment werden sollte.

Man konnte Martin Kind schon verstehen, wenn er über Wettbewerbsverzerrung wetterte: Während in Leverkusen und Wolfsburg alljährlich die Gelder der Eigentümer Bayer und VW fließen, verbiegen sich die anderen Teams der Liga beim Spagat zwischen schwarzen Zahlen auf der einen und sportlichem Erfolg auf der anderen Seite. Ein Drahtseilakt, bei dem ein Fehltritt das Abrutschen in einen Teufelskreis nach sich zieht. Die Logik der Top-Teams lautet: Investiere ich Geld in meine Mannschaft, erreiche ich nächstes Jahr einen Champions-League-Platz, der mir im darauf folgenden Jahr erlaubt, noch mehr Geld in meine Mannschaft zu stecken – und so fort… Wehe aber, diese Rechnung geht nicht auf. Dann stehen Ausgaben für einen teuren Spielerkader plötzlich fehlende Einnahmen gegenüber – der vor einigen Jahren fast-insolvente BVB lässt grüßen.

50 Prozent des Spielausgangs können durch finanzielle Mittel und eine vernünftige Planung beeinflusst werden

Gleiches gilt, wenn es um den Klassenerhalt geht. Im Gegensatz zu US-amerikanischen Ligen sind europäische Ligen offen und nicht geschlossen. Ein Abstiegskandidat steckt vor Saisonbeginn so viel Geld in ein Team, dass er mit minimalem finanziellen Aufwand die Chancen auf den Klassenerhalt maximiert. Schlägt diese Kalkulation fehl und das Team steigt trotz eingeplantem Klassenerhalt ab, hat der Verein oder die Kapitalgesellschaft ein finanzielles Problem: Während die 18 Vereine und Kapitalgesellschaften in Liga eins in der Saison 2012/13 einen Umsatz von knapp 2,2 Milliarden Euro erzielten, kamen die 18 Teams in Liga zwei nur auf knapp 420 Millionen Euro.

Der Job der Manager wird durch Eigentore, Verletzungen und Pfostenschüsse erschwert – der Faktor Zufall beeinflusst den Spielausgang laut einer Studie mit etwa 50 Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet dies allerdings auch, dass 50 Prozent des Spielausgangs durch finanzielle Mittel und eine vernünftige Planung beeinflusst werden können. Der Teufelskreis funktioniert, siehe Bayern München, positiv auch als Erfolgsspirale: Jahr für Jahr können die Bayern mit den Einnahmen aus der Champions-League Weltklasse-Spieler verpflichten und besitzen, wie es scheint, einen Blanko-Scheck für die Champions-League-Teilnahme in der darauf folgenden Saison. Nur dort können Gewinne erwirtschaftet werden.

Die Forderung nach Financial-Fair-Play bedeutet aus Sichtweise der heutzutage erfolgreichen „Traditionsvereine“ auch, dass die Platzhirsche ihren Rang verteidigen wollen. Ihr gegenwärtiger sportlicher Erfolg führt zu mehr Einnahmen und mehr Einnahmen sind die Basis für zukünftigen sportlichen Erfolg. Ohne unverhältnismäßig hohe Ausgaben eines fremden Investors können nur selten neue Teams in die Phalanx der europäischen Spitzenmannschaften vordringen.

Was diese etwas vereinfachte Sichtweise auf Finanzkraft und sportlichen Erfolg mit der 50+1-Regel zu tun hat? Bis dato kämpfen deutsche Bundesliga-Kapitalgesellschaften beim Veräußern ihrer Anteile mit einem wesentlichen Problem: Rein formal kann man als Investor nicht bestimmen, was wer auch immer mit dem eigenen Geld anstellt. Besonders beliebt ist in der Bundesliga das GmbH & Co KGaA-Konstrukt. Während man die Lizenzspielerabteilungen in Form von Kommanditaktien verkauft, behält der Verein als Eigentümer der Komplementärs-GmbH das Kommando. Investoren, die für solch ein Modell zu haben sind, müssen erstens an die Kompetenz des gegenwärtigen Managements glauben; zweitens daran, dass dieses Management auch noch eine Weile im Sattel sitzt; sowie drittens, dass die Vereinsmitglieder im Sinne des Investors abstimmen (den Zwang aufgrund einer hohen finanzielle Abhängigkeit außen vor gelassen).

Wenn die 50+1-Regel in den kommenden Jahren aufgeweicht wird, werden sicherlich mehr Investoren bereit sein, mit ihrem Kapital Fußball-Bundesligisten zu übernehmen – und für diese Unternehmensanteile deutlich mehr zahlen als bis dato. Setzen diese Investoren wiederum Manager mit Sachverstand ein, werden diese Fußball-Kapitalgesellschaften die etablierten Spitzenclubs attackieren – ein Phänomen, das man etwa beim FC Chelsea oder bei Manchester City bereits in der englischen Premier League beobachten konnte (wie nachhaltig dieses Modell ist, ist allerdings eine ganz andere Frage).

Sportlicher Erfolg soll Vorrang gegenüber wirtschaftlichem behalten

Als Begründung für die 50+1-Regel heißt es, dass der sportliche Erfolg Vorrang gegenüber dem wirtschaftlichen behalten soll. Herangezogen werden in diesem Fall abstrakte Begrifflichkeiten wie „Kontinuität, Stabilität und der Wettbewerb“. De facto ist der Wettbewerb aufgrund der unterschiedlichen Lizenzspieleretats aber ohnehin ungleich, und Kontinuität bedeutet, wie oben dargestellt, auch immer ein Bewahren des Status Quo. Allerdings führt eine organische sportliche und wirtschaftliche Entwicklung dazu, dass sich Rahmenbedingungen wie Nachwuchsabteilung, Infrastruktur (z.B. das Stadion), Fachabteilungen (z.B. Scouting) und der Lizenzspielerkader in einem recht gesunden Gleichgewicht entwickeln – ein Ansatz, den man beispielsweise auch in Hoffenheim erkennt und der das dortige Modell vom Mäzenentum in anderen Ligen unterscheidet. Verliert hingegen ein Mäzen nach wenigen Jahren das Interesse an einem Fußball-Unternehmen, steht dieses ohne entsprechenden strukturellen Unterbau vor dem Kollaps.

Eine emotionale Reichweite und Verbundenheit der Anhänger macht Fußballvereine für Investoren, gerade für solche, die in der Region verankert sind, zu einem interessanten Anlageobjekt. Für solche Investoren ist der Kauf eines Bundesligisten kein Hobby, sondern eine rationale – Kosten-Nutzen kalkulierende – Entscheidung. Es geht meist um Wachstumspotenziale des Clubs sowie die Markenbekanntheit oder die regionale Positionierung des Investors. Sobald der Ligavorstand die ersten Präzedenzfälle einer „ununterbrochenen und erheblichen“ Förderung geschaffen hat, werden sich die Vereine peu à peu zwischen sportlichem Erfolg und Stimmhoheit entscheiden müssen.

Es entsteht ein funktionaler Druck, dem selbst Mitglieder erliegen werden, die heutzutage noch über Heuschrecken in der Bundesliga schimpfen (die Vereinsmitglieder des HSV haben bei der Ausgliederung in diesem Jahr bereits eine ähnliche Wandlung vollzogen). Diese spieltheoretischen Mechanismen (macht erst einer mit, müssen die andern folgen) kennt man aus der Vergangenheit – Beispiele sind das Trikotsponsoring, der Verkauf der Namensrechte am Stadion oder das Erschließen internationaler Märkte. Nur wer die Einnahmequellen nutzt, die auch der Konkurrenz zugänglich sind, kann im sportlichen Wettbewerb noch mithalten – andernfalls rutscht man ruck, zuck in den Teufelskreis.

Relativierung der Einwände der 50+1-Befürworter?

Schwierig wird es, einen möglichen Weiterverkauf beispielsweise durch Haltefristen regulatorisch zu vermeiden, da die DFL auf die Eigentumsverhältnisse der investierenden Gesellschaften wenig Einfluss haben wird – theoretisch können dies auch kleine Holding-Gesellschaften sein, die sich entsprechend lange im Verein engagiert haben. Anteile an dieser Holding-Gesellschaft zu veräußern, kann für Einzelpersonen oder weitere Gesellschaften durchaus eine rational sinnvolle Entscheidung sein. Immerhin: Um dafür einen möglichst hohen Verkaufspreis zu erzielen, sind solche Investoren motiviert, zuvor ein gesundes Fußball-Unternehmen aufzubauen.

Relativieren sich am Ende etwa die Einwände der Befürworter der 50+1-Regel? Ein Kernproblem, das mit dem Aufweichen der 50+1-Regel und den beschriebenen möglichen Konsequenzen verbunden ist, haben wir noch nicht im Detail berücksichtigt: Das dem Fußballzirkus zu Grunde liegende Geschäftsmodell ist die Illusion, dass Menschen, sich mit Spielern, Teams und Vereinen (obwohl dies gar keine Vereine mehr sind) identifizieren. Fußballmanager monetarisieren diese emotionale Reichweite durch Fernsehgelder, Merchandising oder Sponsoring-Partnerschaften.

Historisch betrachtet waren bei der Entstehung des Massenphänomens Fußball in Deutschland immer auch demokratische Gremien wie Mitgliederversammlungen oder Verbände beteiligt, die das Ihrige zur Identifikation und zur regionalen Bedeutung einer Fußballmannschaft beitrugen. Fußball war und ist in Deutschland ein gemeinschaftliches Projekt. Je mehr sich der Fußball von diesen Wurzeln entfernt, je mehr die vorhandenen Emotionen für mehr Profit instrumentalisiert werden, desto schwieriger könnte es werden, die Illusion der „Fans“ aufrecht zu erhalten. Ob ein Geschäftsmodell funktioniert, bei dem immer mehr Entertainment und Show in unsere hiesigen Stadien eindringen, muss sich erst noch zeigen. Verluste von Reichweite und Identifikation könnten dem seit Jahren kontinuierlichen finanziellen Wachstum der Bundesliga Einhalt gebieten: Die Investoren hätten sich in diesem Fall ihre eigene Rendite vermiest. Die Alternative, dass professionelle, bezahlte „Fans“ in deutschen Bundesligastadien für Fernsehzuschauer in Asien Fahnen schwenken und Lieder singen, ist wohl eher utopisch.