Mehrfachbeteiligungen – ein Spiel gegen sich selbst?
Christian Quirling, Professor für Sportmanagement über Mehrfachbeteiligungen im Fußball © Christian Quirling
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Gefährden Mehrfachbeteiligungen die Integrität des Wettbewerbs?

Moritz Förster über die mögliche Problematik der Beteiligung eines Investors an unterschiedlichen Vereinen


Mehrfache Minderheitsbeteiligungen – diese Alliteration bringt zur Zeit die führenden Köpfe der Bundesliga ins Grübeln. Der Kern des Problems: Wie glaubwürdig ist ein Spiel, in dem zwei Teams aufeinander treffen, die zu Teilen dem gleichen Investor gehören? Angesprochen wurde das Thema zuletzt Anfang Dezember auf der Mitgliederversammung des Ligaverbands in Frankfurt, im Frühling steht es erneut auf der Tagesordnung. Angesichts europäischer Pokalwettbewerbe wird sich aber auch die UEFA in naher Zukunft noch damit auseinander setzen müssen, ob die aktuellen Regelungen ausreichen. Gefährden Beteiligungen des gleichen Investors an unterschiedlichen Fußball-Gesellschaften die Integrität des Wettbewerbs?

Von wegen Sand im Getriebe: Der FC Bayern München führt zur Winterpause, gefolgt vom VfL Wolfsburg, die Tabelle in Liga eins an. Eine Liga tiefer steht der FC Ingolstadt an der Spitze. Eigentümer oder mit-Investor aller drei Fußball-Clubs: Die Volkswagen AG. Ein Automobil-Konzern, der, so wie es zur Zeit ausschaut, mit einer außergewöhnlichen Expertise als Investor in Fußballunternehmen gesegnet ist. Er ist Alleineigentümer der VfL Wolfsburg GmbH, über die 100 prozentige Audi-Tochter quattro GmbH gehören ihm 19,94 Prozent der FC Ingolstadt Fußball GmbH, und an der FC Bayern München AG hält die VW-Tochter Audi 8,33 Prozent. Beim FC Bayern sitzt zudem VW-Chef Martin Winterkorn im Aufsichtsrat.

Während man bei VW aus sportlicher Sicht in Sachen Fußball daher allen Grund zur Freude hat, runzeln andere Akteure im Bundesliga-Zirkus die Stirn. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) und auch VW möchten zum Thema mehrfache Minderheitsbeteiligung derzeit kein Statement abgeben. Noch ist offen, ob, und wenn ja, welche neuen Regelungen kommen. Gut möglich, dass sich die Debatte noch eine Weile hinzieht.

Ist Einflussnahme möglich?

Und das, obwohl die grundlegende Frage auf den ersten Blick recht einfach erscheint: Wie viel Einfluss kann der (mit-)Eigentümer einer Fußball-Kapitalgesellschaft überhaupt auf den Ausgang eines Spiels haben? Mal angenommen, der VfL Wolfsburg träfe in der kommenden Saison am letzten Spieltag auf den in die erste Liga aufgestiegenen FC Ingolstadt. Wolfsburg wäre bereits sicher für die Champions League qualifiziert, Ingolstadt benötigte aber noch Punkte im Abstiegskampf. Für den VW-Konzern könnte ein Sieg von Ingolstadt von Vorteil sein.

Aber auf dem Platz stehen nunmal Spieler, keine Autos. Wie viel Einfluss hätte VW auf deren Aufstellung und Leistung der Spieler? „Im konkreten Fall vermutlich wenig“, meint Christian Quirling, Professor für Sportmanagement. Nichtsdestotrotz erkennt Quirling eine „abstrakte Brisanz im Sinne eines ‘Gschmäckle’ – wie der Schwabe sagt“. Auch Christoph Breuer, Leiter des Instituts für Sportökonomie und Sportmanagement in Köln, hält es „unter normalen Voraussetzungen für undenkbar“, dass Spiele aufgrund mehrfacher Beteiligungen manipuliert werden. Er warnt allerdings davor, dass in den vergangenen 15 Jahren national und international Ereignisse im Fußball eingetreten sind, die man bis dato nicht für möglich gehalten hat. Sein Credo im nachfolgenden Interview: „Wenn es keine Mehrfachbeteiligung gibt, entstehen erst gar keine Anreize zur Spielmanipulation für einen mehrfachen Investor.“ Murphys Gesetz scheint seit einigen Jahren zu lauten: Wo gefuscht werden kann, wird auch gefuscht.

Begrenzung mehrfacher Beteiligungen auf fünf Prozent in der Debatte

Bislang heißt es in Paragraph acht der Satzung des Ligaverbands, dass auch die „Mitglieder von Organen der Kapitalgesellschaften der Lizenzliga weder unmittelbar noch mittelbar an anderen Kapitalgesellschaften der Lizenzliga beteiligt sein dürfen.“ „Das bedeutet, dass das Verbot der Mehrfachbeteiligung nicht nur für die Clubs selbst gilt, sondern auch – und vor allem – für Geschäftsführer oder Vorstandsmitglieder“, erklärt Quirling. Debattiert wird eine Verschärfung des Paragraphen durch eine Begrenzung von mehrfachen Beteiligungen auf maximal fünf Prozent.

Auch auf europäischer Ebene drohen Interessenskonflikte: 2012 starteten beispielsweise mit dem FC Málaga und Paris St. Germain zwei Teams in katarischen Händen in der Champions League. Als Trikotsponsor des FC Barcelona blätterte Qatar Sports Investment (QSI) stolze 170 Millionen für fünf Jahre hin. Dass zunehmend Fonds- und Holdinggesellschaften auf den Plan treten, macht die Kontrolle möglicher Interessenskonflikte nicht einfacher: Unterschiedliche Gesellschaften können mehrheitlich in den Händen des gleichen Eigentümers sein.

Vorhandene Synergien nutzen

Bis dato untersagen die UEFA-Regularien in Artikel drei die gleichzeitige Teilnahme an europäischen Wettbewerben zweier Mannschaften, die mehrheitlich ein und demselben Investor gehören oder in denen ein und derselbe Akteur entscheidenden Einfluss auf die Entscheidungsfindung hat. Sollten sich in einigen Jahren beispielsweise die Red-Bull-Clubs aus Leipzig und Salzburg für die UEFA Europa League und die Champions-League qualifizieren, darf gegebenenfalls nur das für die Champions League qualifizierte Team starten. Grundsätzlich untersagt sind Verflechtungen auf europäischer Ebene aber nicht. So macht Ralf Rangnick, derzeit Sportdirektor beider Clubs, keinen Hehl daraus, gerade in der Personalpolitik Synergien nutzen zu wollen.

Abzuwarten bleibt, wie Fans und Zuschauer reagieren, wenn hinter den Clubs zunehmend die gleichen Eigentümer stehen sollten. Zumindest beim Thema Sponsoring scheint man in der Fanszene bis dato tolerant: „Aus emotionaler Sicht wäre es mir erst einmal egal, ob ich gegen einen Verein spiele, bei dem auch Evonik beteiligt wäre“, erklärt Daniel Nowara, BVB-Anhänger und Sprecher der Fanorganisation „Unsere Kurve“. Nowara setzt allerdings voraus, dass solche wirtschaftlichen Verflechtungen nicht zu einer Spielverzerrung führen: „Der Sport lebt von seiner Wettbewerbsfähigkeit.“

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