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Sepp Blatter durch “FIFA-Bürgerkrieg” in Not: “Hat Laden nicht mehr im Griff”

Von Dietmar KRAMER

KÖLN, 14. November (SID) – Die Reaktionen auf das Chaos beim Fußball-Weltverband FIFA um die Bewertung der Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe der WM-Endrunden 2018 und 2022 fallen international verheerend aus. Das miserable Krisenmanagement bringt auch FIFA-Boss Joseph S. Blatter in Bedrängnis.

Blatter könnte ins Abseits geraten

Nach dem Eigentor des Fußball-Weltverbandes FIFA in der Aufarbeitung der Korruptionsvorwürfe bei den WM-Vergaben 2018 und 2022 kann sogar FIFA-Boss Joseph S. Blatter ins Abseits geraten. “Der offene Zwist zwischen den beiden entscheidenden Personen ist ein Zeichen dafür, dass das System nicht funktioniert, dass die Strukturen nicht ausreichend sind. Alles zusammen ist für mich ein Zeichen dafür, dass Blatter den Laden FIFA überhaupt nicht mehr im Griff hat”, sagte Anti-Korruptions-Kämpferin Sylvia Schenk von Transparency International dem Sport-Informations-Dienst (SID) zur peinlichen Posse.

Weltweit stießen die Einstufung der Untersuchungsergebnisse von US-Chefermittler Michael J. Garcia durch den Münchner Richter Hans-Joachim Eckert als Beleg für korrektes Verhalten der beiden nächsten WM-Gastgeber und Garcias prompter Widerspruch auf ein verheerendes Echo. “Die FIFA macht sich lächerlich”, meinte The Guardian, in Spanien titelte Marca von einem “Bürgerkrieg in der FIFA” und beschrieb Sport “eine Zerreißprobe”. Die New York Times verspottete den gesamten Vorgang: “Eine Organisation lässt sich selbst überprüfen, und das Ergebnis: Bitte gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.”

Das Blatter-Imperium schlägt zurück

Für die Londoner Times zwar “schlägt das Blatter-Imperium zurück”, doch selbst der von Blatter einst in die FIFA geholte und im Vorjahr abgetretene Reformer Pieth warnt seinen einstigen Chef vor verfrühter Erleichterung über einen vermeintlichen Schlussstrich unter die unselige Bestechungsdebatte: “Das wäre das Dümmste, was man im Moment sagen kann. Zu viele Fragen sind offen”, sagte der Schweizer der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Eckert selbst verteidigte seinen Bericht am Freitag gegenüber der BBC. “Vieles in meinem Bericht ist Wort für Wort aus dem Garcia-Bericht entnommen”, sagte Eckert. Von der Reaktion sei er “überrascht, aber nicht schockiert”. Trotz aller Konfusion könne der Garcia-Bericht für Eckert nicht vollständig veröffentlicht werden: “Ich glaube nicht, dass es möglich ist. Ich muss die Privatsphäre nach europäischem Recht wahren.”

Auch für Blatters Präsidenten-Kollegen Wolfgang Niersbach vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) scheint der Fall noch nicht reif zur Ablage: “Dieser Bericht ist leider nicht der erhoffte Befreiungsschlag, der die Zweifel in der Öffentlichkeit verschwinden lässt”, sagte Niersbach in der ARD.

Die Zweifel sind in der Person Blatter begründet

Diese Zweifel liegen für Schenk hauptsächlich in Blatters Person begründet. “Wäre ein neuer integrer Mann an der Spitze, würde sich alles nur auf die verwunderlichen Vorgänge zwischen Eckert und Garcia konzentrieren. So aber ist es wieder eine FIFA-Krise, und Blatter kann nicht mehr für eine saubere Zukunft stehen. Das nimmt man ihm einfach nicht mehr ab”, sagte Schenk dem SID.

Für die Juristin ist die bereits vielfach geforderte, von Eckert und auch Blatter jedoch abgelehnte Offenlegung von Garcias Bericht der einzige Weg zur Rückeroberung von Glaubwürdigkeit. “Datenrechtlich bedenkliche Stellen könnten geschwärzt werden. Aber Garcias Ergebnisse müssen öffentlich gemacht werden.” Das Gleiche verlangten auch nochmals der Kontinentalverband CONCACAF (Nord- und Mittelamerika und Karibik) und der US-Verband nachdrücklich.

Beim vor vier Jahren für 2022 unterlegenen Kandidaten Australien ging unterdessen der Nationalverband FFA wegen Eckerts Vorwürfen des Missbrauchs von Steuergeldern auf die Barrikaden. FFA-Chef Frank Lowy warf seinerseits der FIFA Anstiftung und Doppelzüngigkeit vor: “Die Ermutigungen der FIFA, Fußball-Entwicklungsprogramme zu unterstützen, hat uns zu Entscheidungen verleitet, die uns jetzt als Veruntreuung ausgelegt werden.”

“Kritik gehört zum Leben”

Eckert reagiert offenbar gelassen auf die Reaktionen zu seiner Stellungnahme. “Kritik gehört zum Leben”, sagte der Richter der Zeitung Die Welt. Garcias Einspruchsankündigung wegen “unvollständiger und fehlerhafter Darstellungen der Tatsachen und Schlussfolgerungen der Untersuchungskammer” bezeichnete Eckert laut Süddeutscher Zeitung als “interessant”, setzte hinter den juristischen Ansatz des früheren US-Bundesanwaltes für eine Berufung allerdings ein Fragezeichen.

Bei der FIFA selbst enthielt sich Generalsekretär Jerome Valcke weitgehend einer Bewertung des Konfliktes zwischen den Vorsitzenden der Ehtikkommission-Kammern: “Wir können nur sagen, dass es traurig ist, dass die beiden über solch wichtige Dinge im Fußball unterschiedliche Meinungen haben.”

SID dk cl

© 2008-2014 Sport-Informations-Dienst


Internationale Pressestimmen zum Bericht der FIFA-Ethikkommission

England

The Guardian: “Die FIFA entblößt ihren völlig verzerrten Sinn für Integrität. Korruption, geheime Absprachen und Stimmenkauf werden erkannt, aber nicht als beschädigend angesehen.”

Mirror: “Eine Reinwaschung. Ein Skandal. Das totale Chaos. Aber keine Überraschung. Russland und Katar können ihre Vorbereitung auf die große Show fortsetzen.”

USA

New York Times: “Die FIFA schaut auf sich selbst – und nickt zustimmend. Der Bericht sagt: ‘Geht weiter, Leute! Hier gibt es nichts zu sehen.”

Australien

Sydney Morning Herald: “Warte mal, Sepp, ich glaube, ich habe Ethik gefunden, hier, hinter dem Regal! Ach nein, doch nicht, es war nur ein altes Sandwich. Vielleicht unten hinter der Couch? Schau mal nach, irgendwo muss doch ein bisschen Ethik zu finden sein.”

Italien

Gazzetta dello Sport: “Selbst ein Kind begreift, dass da etwas nicht stimmt. Russland 2018 und Katar 2022 sind Turniere, die von Anfang an nach Skandal und Korruption rochen.”

Corriere dello Sport: “Schande ohne Ende. Der Fall ist paradox: Die FIFA-Ethikkommission hat im perfekten Blatter-Stil versichert, dass alles in Ordnung ist. Laut FIFA hat es bei der WM-Vergabe zwar Fehler, aber keine Korruption gegeben. Die FIFA spricht sich nach zwei Jahren selbst frei.”

Tuttosport: “England gegen FIFA: Der Fall der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 wird zur Farce. Die Turniere werden nach Plan organisiert, doch über die Ergebnisse der Untersuchung der Korruptionsvorwürfe bei der WM-Vergabe wird gerätselt. Die Briten behaupten, dass die Untersuchung wegen des politischen Drucks versandet ist.”

Spanien

El Pais: “Offener Krieg bei der FIFA. Der Untersuchungschef beschwert sich, dass sein Bericht von der höchsten Fußballorganisation falsch interpretiert werde. Sofort nach der Veröffentlichung bläst Garcia rabiat zur Attacke.”

El Mundo: “Die FIFA ist wegen der Korruptionsvorwürfe gespalten. Sie kommt zu dem Schluss, dass Russland und Katar sauber sind – doch die Entscheidung führt zu einer internen Krise in der Ethikkommission.”

Niederlande

AD: “Die Diskussion über die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft an Russland und Katar ist noch nicht vorbei. Der langerwartete Schlussbericht der FIFA über mögliche Korruption enthält keine schockierenden Enthüllungen, aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.”

De Volkskrant: “Der Pitbull und der Sesselkleber. Die FIFA und Sepp Blatter haben die Wut von Michael Garcia auf sich gezogen. Der hat nicht die Angewohnheit, loszulassen – und Blatter hat nicht die Absicht, seine despotische Macht aufzugeben.”

Voetbal International: “Die FIFA hat die gesamte Welt fassungslos gemacht mit dieser Brutalität. Fast die Hälfte aller Personen, die für Russland und Katar gestimmt haben, sind mittlerweile verurteilt. Zahllose Dokumente beweisen, dass Katar Bestechungsgelder gezahlt hat. Das FBI beschäftigt sich jetzt damit. Das wird ein Bumerang.”

SID dr nt cl

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