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Warum die Kritik an der Winter-WM dank Blatters Klingelbeutel schnell abgeebbt ist.

Die Fußball-WM 2022 in Katar. Sie bot in den letzten Wochen und Monaten reichlich Stoff für hitzige Diskussionen in den Medien und an den Stammtischen. Angefangen bei den FIFA-Korruptionsvorwürfen im Zuge der WM-Vergabe, folgte – nachdem das Thema Korruption langsam, aber sicher im Wüstensande verlaufen war – die Kritik an den unwürdigen Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter im Wüstenemirat.

In diversen Dokumentationen waren Menschen zu sehen, die bei sengender Hitze stundenlang auf mangelhaft gesicherten Baustellen der Stadien zubringen, um nach Feierabend eingepfercht zu werden in völlig überfüllten Arbeitslagern, ohne Zugang zu ausreichend Trinkwasser, Nahrung, geschweige denn zu medizinischer Versorgung. Das Stichwort Sklaverei kam auf. Irgendwann folgten erste Berichte über Todesopfer unter den Arbeitern. Der Aufschrei war dementsprechend groß, Stimmen nach einem WM-Entzug wurden laut. Und dennoch war Katar wie selbstverständlich beliebter Ort für die Wintertrainingslager europäischer Top-Klubs. Anfang März nun die beruhigende Nachricht für alle Ignoranten, für die die Kritik an den katarischen Arbeitsbedingungen sowieso die ganze Zeit über nur ein lästiger Fleck auf der sauberen FIFA-Weste gewesen war.

König Blatter persönlich machte sich auf den Weg in die Wüste, um den katarischen Funktionären mit erhobenem Zeigefinger mitzuteilen, dass es doch nun mal an der Zeit wäre, einer unabhängigen Untersuchungskommission zuzustimmen, welche die tatsächlichen Arbeitsbedingungen dokumentiert. Bislang war dies nur durch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International geschehen, deren Anprangerungen aber auf wenig Gehör gestoßen waren.

Doch auch nach Blatters Besuch gab es für die Katar-Kritiker wenig Anlass zur Freude. Die Einrichtung einer unabhängigen Instanz, mit der tatsächlichen Möglichkeit der Einflussnahme auf die Regierung, hatte selbst der erhobene Zeigefinger des `Big Boss´ nicht zur Folge. Stattdessen gab es die beim Katar-Thema üblichen Augenwischereien. Das WM-Organisationskomitee Katars sei bemüht, für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen. Punkt. Keine weiteren Fragen!

Ein leichter Hoffnungsschimmer war am Horizont zu erblicken, als sich der amtierende stellvertretende SPD-Bundeskanzler Sigmar Gabriel im März nach Katar aufmachte, um die WM-Baustellen in Augenschein zu nehmen. Aber auch die Hoffnung, Gabriel würde mit konstruktiver Kritik etwas bewegen können, wurde zerschlagen. Von mahnenden Worten seitens des deutschen Wirtschaftsministers kaum eine Spur.

Im Gegenteil: Gabriel forderte Verständnis für Katar, immerhin sei das Land arbeitsrechtlich gesehen noch immer ein Entwicklungsland. Ah ja. Katar ein Entwicklungsland und deshalb befreit von jeglichen Menschenrechtskonventionen? Dann müsste sich Herr Gabriel aber andersherum auch mal die Frage stellen, ob ein Entwicklungsland überhaupt zur Austragung einer Fußball-WM zur Wahl hätte stehen sollen.

Zum Glück fiel den Fußball-Funktionären dieser Welt rechtzeitig ein, dass es ja wesentlich schwerwiegendere Probleme im Zuge der Wüsten-WM zu lösen gäbe als die der vermeintlichen Menschenrechtsverletzungen. Und so wurde jene Diskussion abgelöst von der erstaunlichen Erkenntnis, dass es in den Sommermonaten recht heiß werden kann in den Arabischen Emiraten. Nicht zu heiß für die Gastarbeiter im Vorfeld des Events, aber unzumutbar heiß für die Fußballprofis und deren mitreisende Fans.

Prompt war sie da, die Diskussion um den richtigen Austragungszeitpunkt. Ein Aufschrei der europäischen Vereine und Medienanstalten folgte, wesentlich lauter als der, als es um die ums Leben gekommenen Bauarbeiter ging. Von höherer Verletzungsgefahr der Spieler war die Rede, von einer Unvereinbarkeit mit der besinnlichen Zeit des Advents und nicht zuletzt von fehlenden TV-Einnahmen, als der Gedanke an eine Winter-WM konkreter wurde. Bis zuletzt wurde die FIFA für ihre am 19. März endgültig durchgesetzte Entscheidung, die WM im Winter mit einem Finale am 18. Dezember durchzuführen, hart angegangen. Gut eine Woche danach ist von dem Missmut der europäischen Klub-Vereinigung ECA nichts mehr zu spüren.

Verwunderlich ist das nicht. Schließlich hat die FIFA-Führung unter Sepp Blatter entschieden, die Abstellungsgebühren an die Klubs auf jeweils umgerechnet insgesamt 195 Millionen Euro zu erhöhen – also um das Dreifache im Vergleich zur letztjährigen WM in Brasilien. Bayern-Präsident Karlheinz Rummenigge wertet das – ebenso wenig verwunderlich – als „sehr erfreuliches Ergebnis aus Sicht der ECA“. Es markiere einen weiteren Meilenstein, den der europäische Klub-Fußball gesetzt hat. So kann man es nennen. Oder auch: Geld regiert die Welt beziehungsweise „bei einem Topf voll Euro ist man sich schnell einig“.

Wahrlich nichts Neues, wenn man an die Politik der FIFA denkt. Dennoch immer wieder erschreckend, wie offensichtlich sich der Weltfußballverband ohne Scheu und ohne Skrupel Sympathien oder zumindest das Schweigen seiner Kritiker erkaufen kann. Thomas Kistner, Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat (leider) richtig erkannt, dass Blatter „das Spiel mit seinen Gegnern perfekt beherrscht.“

Da mag man dem FIFA-Boss ja beinah Glauben schenken, wenn er behauptet, Fußball sei einflussreicher als jede Weltreligion. Zumindest wenn Geld im Spiel ist. Denn so lange Joseph Blatter seine Jünger mit solch immensen Geldsummen segnet, ist ihm der Status als Fußballgott wohl noch für lange Zeit sicher. Schließlich hat das jüngste Beispiel gezeigt, dass selbst seine vermeintlichen Kritiker nicht so schnell vom Glauben abfallen.

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