Anstoßen statt absitzen!
Ex-Bundesligaspielerin Tanja Walther-Ahrens © Tanja Walther-Ahrens
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Zum Rücktritt der ersten Frau aus dem Präsidium des Berliner Fußball-Verbandes

Ein Gastbeitrag von Dr. Alexandra Hildebrandt. Zuerst erschienen auf The Huffington Post.

Tanja-Walther Ahrens, mit der Dr. Alexandra Hildebrandt von 2010 bis 2013 in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit arbeitete, war die erste Frau im Präsidium des Berliner Fußball-Verbandes. Sie ist nun von ihrem Amt zurückgetreten. Im folgenden Beitrag erklärt sie die Gründe dafür.

Dabei geht es nicht nur um einen Fußballverband im Kleinen, sondern um ein generelles Problem bürokratischer Organisationen im Großen, für die Ziele nicht beweglich sind, sondern von vornherein feststehen und in einer Protokollkultur erstarren, was dazu führt, dass keine neuen Impulse zugelassen und keine Widerworte geduldet werden.

Das Gefühl, das dabei vermittelt wird, beschreibt auch Tanja Walther-Ahrens in ihrem Beitrag: „Es ändert sich ja doch nichts.” Ein Schrecken ohne Ende. Aber nur für die, die bleiben.

Ein Beitrag von Tanja Walther-Ahrens

Die Einladung in den Sportausschuss des Deutschen Bundestages zur „Situation des Mädchen- und Frauenfußballs nach der WM 2011 in Deutschland” hat den Ausschlag dazu gegeben, meinen bereits (intern) angekündigten Rücktritt aus dem Präsidium des Berliner Fußball-Verbandes bereits jetzt zu vollziehen. So konnte ich als unabhängige Fachfrau im Sportausschuss sprechen.

Für den Rücktritt gibt es vielfältige Gründe – einer der gravierendsten ist die fehlende Kommunikation bzw. das Nicht-Reagieren oder „Aussitzen” von vermeintlich unangenehmen Themen. Meine zu Beginn der Amtszeit vorhandene Energie und Ideen sind ins Leere gelaufen. Ich gehöre zu den Menschen, die gerne Dinge anstoßen, entwickeln, um- oder neudenken, und diese Ideen dann auch umsetzen. Eine Alibi-Funktion kann und will ich nicht erfüllen.

Die Situation des Frauen-und Mädchenfußballs ausschnitthaft dargestellt im Sportausschuss des Deutschen Bundestages am 6. Mai 2015:

2015 spielen über eine Million Frauen und Mädchen Fußball. Tendenz steigend! 2011 hat Deutschland eine wundervolle Frauen WM ausgerichtet. Die Juniorinnen-Teams sind sehr erfolgreich, das Champions League-Finale findet im eigenen Land mit deutscher Beteiligung statt, und im Juni gilt die DFB-Auswahl in Kanada als eines der favorisierten Teams.

Der DFB hat eine Frau im Präsidium, und sogar in den Landesverbänden gibt es Frauen in den Präsidien – bis heute zählte ich auch dazu. Eine traumhafte Situation des Mädchen- und Frauenfußballs also. Alles bunt und schön?

Unter der hübschen Oberfläche gibt es unschöne Punkte, die mich zweifeln lassen an der traumhaften Situation. Ich möchte nur einige davon kurz skizzieren, da sie den Alltag von Mädchen und Frauen im Fußball gut verdeutlichen:

Gendergerechte Sprache ist ein völliges Fremdwort in der Welt des Fußballs. Selbst auf Einwände hin wird, wegen der besseren Lesbarkeit, die männliche Form in Broschüren, Flyern und ähnlichem verwendet. Sogar in Bereichen, in denen es gar keine Männer gibt, ist es nicht möglich, von einer Torjägerin oder Spielerin zu sprechen wie beispielsweise die Website Fußball.de beweist.

Auf die Kritik zu einem Neujahresempfang und dem Hinweis, dass dort sowohl auf dem Podium als auch im Publikum zu wenig Frauen anwesend waren, gab es die lapidare Antwort: „Aber Frau XY war doch eingeladen und ist nicht gekommen. Frauen sind ebenfalls eingeladen als Schiedsrichterinnen, Trainerinnen oder in den Vereinsvorständen tätig zu werden.” Sie sind aber nicht da. Woran liegt das? Am fehlenden Interesse der Frauen? Wie aber bereits erwähnt, gibt es mehr als eine Frau, die sich für Fußball interessiert.

Immer wieder wird auch betont, wie viel weiter der Frauen- und Mädchenfußball doch ist im Vergleich zu seinen Anfängen. Besonders deutlich wird dies, wenn Mädchen mit kurzen Haaren und Fußballtalent von Eltern des gegnerischen Teams fast auf die Toilette gezogen werden, um ihr Geschlecht zu überprüfen.

TrainerInnen und SchiedsrichterInnen wissen sich nicht zu verhalten, und auch Verbände reagieren lieber gar nicht. Leider sind diese Vorfälle keine Einzelfälle. Und sie sind auch keine kleinen Alltagsdiskriminierungen, über die hinweggesehen werden kann. Ich habe diese Sprüche schon vor 40 Jahren gehört, nur habe ich in einem Jungsteam gespielt, und es war unvorstellbar, dass das „Mädchen” die Tore schießt.

K(ein) Witz

Wenn eine geplante Kampagne zum Mädchen- und Frauenfußball immer weiter hinausgezögert wird und irgendwann sogar das Argument auftaucht, dass mehr Mädchen und Frauen, die Fußball spielen wollen ja bedeuten, dass die Jungs und Männer keinen Platz mehr zum Spielen haben, bin ich mir nicht sicher, ob das ein Witz sein soll.

Nach all den Jahren auf dem Platz ganz hinten oder den Trainingszeiten, die sonst keiner haben möchte. Und nein, das sind keine Berichte von vor 40 Jahren. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Geschichte sich da nur punktuell wiederholt oder ob sie sich einfach gar nicht verändert hat.

Erstaunlich auch, dass ein international prestigeträchtiges Fußballfinale in einer großen Stadt stattfinden kann, ohne dass die Veranstaltung genutzt werden kann und darf, um den Mädchen- und Frauenfußball des Landesverbandes oder gar des Verbandes zu präsentieren. Die größte Angst ist die Blamage, das Stadion nicht mit ZuschauerInnen zu füllen.

Männer- und Frauenfußball lässt sich nicht einfach gleichsetzen, das bestreite ich keineswegs, aber ich stelle die Bereitschaft und den Willen Frauen- und Mädchenfußball ernst zunehmen in Frage.

Berlin ist überall

Ich bin in das Präsidium des Berliner Fußball-Verbandes gegangen, weil ich dachte, der Verband ist bereit, sich ernsthaft mit Mädchen- und Frauen im Fußball auseinanderzusetzen beziehungsweise diese im Verband willkommen zu heißen. Inzwischen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich im Präsidium des Berliner Fußball-Verbandes bin beziehungsweise war, weil es zum guten Ton gehört, sich eine Frau im Präsidium zu leisten.

Meiner Meinung nach ist der Fußball immer noch nicht bereit, mehr zuzulassen als weiße, meist mittelalte, heterosexuelle Männer. Es gibt einen sehr gelungenen Satz von pink stinks, der sich eins zu eins auf den Fußball übertragen lässt: the problem is not, that I see sexism everywhere. The problem is that you don’t. (Das Problem ist nicht, dass ich Sexismus überall sehe, dass Problem ist, dass du ihn nicht siehst.)

Zur Person Tanja Walther-Ahrens

Ex-Bundesliga-Spielerin Tanja Walther-AhrensTanja Walther-Ahrens, geboren 1970, wuchs in Hessen in ländlicher Idylle mit Kühen und dem runden Leder auf. Nach mehrmaligem Gewinn der Meisterschaft der Landesverbände mit dem hessischen Auswahlteam in den 80er-Jahren erfolgte nach dem bestandenen Abitur und mit kleinen Umwegen der Umzug nach Berlin. Beginn des Studiums der Sonderpädagogik und Sportwissenschaften und der erfolgreichen Karriere in der Bundesliga von 1992 bis 1994 bei Tennis Borussia Berlin. Sportliche Herausforderung in den USA durch ein Sport-Stipendium am William Carey College, Mississippi von 1994 bis 1995. Danach spannende Jahre bei Turbine Potsdam in der Bundesliga von 1995 bis 1999.

Seit 2006 ist sie Delegierte der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF). Von 2011 bis 2013 leitete sie die Arbeitsgruppe „Bildung” als Teil der Kommission Nachhaltigkeit des Deutschen Fußball Bundes. Die diplomierte Sportwissenschaftlerin arbeitet hauptberuflich als Sonderpädagogin. Heute ist sie immer noch leidenschaftliche Fußballerin in der Berliner Landesliga beim SV Seitenwechsel.

2008 erhielt Tanja Walther-Ahrens zusammen mit Philip Lahm und Dr. Theo Zwanziger den TOLERANTIA-Preis, 2011 den Augsburg-Heymann-Preis und den Zivilcouragepreis des Berliner CSD. Sie lebt mit Frau und Kind in Berlin. 2011 erschien ihr Buch: „Seitenwechsel – Coming-out im Fußball”.