Die FIFA, die UEFA und der Glaube an das Gute
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Medienlese vom 12. November 2014

Unsere Themenschwerpunkte heute: Die FIFA & die Korruption, Rummenigges Glaube ans Financial Fair Play, Fair geht vor – zwei gute Beispiele

Nichts zu verbergen?!

Angesichts der nun doch nicht vollständigen Veröffentlichung des Untersuchungsberichts zur Vergabe der Fußballweltmeisterschaften 2018 und 2022 erscheint diese Frage mehr als gerechtfertigt. Dass Korruption nicht nur ein Thema im spanischen Fußball ist, stellt kein Geheimnis dar. Spätestens seit der Vergabe der WM-Austragungsorte an Russland bzw. Katar sehen sich der Weltfußballverband und insbesondere dessen Präsident Joseph Blatter Korruptionsvorwürfen gegenüber gestellt. Nachdem sich der Ermittler Michael Garcia der Sache angenommen und schlussendlich einen umfassenden Bericht zu den Untersuchungen rund um die umstrittene WM-Vergabe verfasst hatte, gab es aber Anlass zur Hoffnung.

Endlich würde Transparenz in die Sache gebracht werden, endlich würde die Frage, ob Korruption im Spiel war, mit ja oder nein beantwortet werden können. Aber wie heißt es so schön: „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt“. Hans-Joachim Eckert, Richter und Vorsitzender der FIFA-Ethikkommission, dem der 350 Seiten lange Bericht von Garcia übergeben wurde, lehnt eine vollständige Veröffentlichung ab. Er begründet dies mit einer „äußerst schwierigen rechtlichen Situation“ für die FIFA, die damit verbunden sei. Die Wahrung von Persönlichkeitsrechten der im Bericht erwähnten Personen sei nicht gewährleistet.

Eckert ist nicht nur verantwortlich für die Prüfung und Darlegung des Garcia-Reports, sondern auch für die Konsequenzen, die womöglich für den ein oder anderen bestechlichen FIFA-Funktionär aus den Ergebnissen der Untersuchung resultieren würden. Interessant ist in diesem Kontext, dass sich Franz Beckenbauer – als stimmberechtigtes Ex-FIFA-Exekutivmitglied einst selbst ins Visier der Ermittler geraten – inzwischen ausdrücklich für eine Veröffentlichung des Reports ausspricht. Ganz im Gegenteil zu FIFA-Boss Blatter.

Es liegt zwar nun (eigentlich) ausschließlich in Eckerts Hand, „eine geeignete Form“ – wie er es selber formuliert- der Veröffentlichung zu finden. Eine geeignete Form ist in seinen Augen dabei möglicherweise eine Stellungnahme oder eine Anonymisierung bestimmter Passagen des Berichts. Klingt nicht wirklich nach Transparenz. Eher danach, dass wieder der ein oder andere FIFA-Funktionär (ohne Namen nennen zu wollen) seine Finger mit im Spiel haben wird, wenn es um die Suche nach der „geeigneten Form“ geht. Mitte November ist mit deren Veröffentlichung zu rechnen.

Scheinbar zu spät für zwei der FIFA-Topsponsoren, die ihre Kooperation mit dem Fußballweltverband jüngst für beendet erklärt haben. Der Ausstieg von Emirates und Sony aus dem Sponsoring wird zwar offiziell nicht mit den möglichen Schmiergeldaffären rund um die FIFA-Führung begründet; jedoch hat sich zumindest die Fluggesellschaft schon vor drei Jahren diesbezüglich kritisch geäußert. Ist das vielleicht der Weckruf, den die FIFA gebraucht hat, um ihre Vorgehensweisen womöglich mal kritisch zu hinterfragen? Schließlich würde der Wegfall der beiden Förderer massive finanzielle Einbußen mit sich ziehen. Aber mitnichten. Es ist bereits ein Ersatz für Emirates im Gespräch: Qatar Airways. Was an dieser Stelle mal unkommentiert bleibt.
spiegel.de, handelsblatt.com, fr-online.de, de.fifa.com, bloomberg.com, faz.net

Der Glaube an das Gute im Menschen

…kann schnell mal verloren gehen – alleine, wenn man sich obiges Beispiel betrachtet. Bei der UEFA sieht das alles selbstverständlich völlig anders aus. Zumindest FC Bayern München-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge ist fest davon überzeugt. Auf jeden Fall glaubt er an die Zukunft des `Financial Fairplay´ (kurz: FFP), das Konzept der UEFA, das Vereine – kurz gesagt – dazu bewegen soll, nicht mehr Geld auszugeben als eingenommen wird.

Das Konzept besteht bereits seit drei Jahren und spricht diejenigen europäischen Klubs an, die an internationalen Wettbewerben teilnehmen, also jene Vereine, bei denen der Geldfluss am Größten ist. Nach und nach sollen alle Sanktionen des `FFP´ in Kraft treten, darunter z.B. Geldstrafen und Ausschluss von internationalen Wettbewerben. Prominenteste Beispiele, die dem `FFP´ letzte Saison zum Opfer fielen, waren die beiden Meisterteams Manchester City und Paris St. Germain, jeweils bedacht mit einer Geldstrafe von 60 Millionen Euro.

Im Gegensatz zu UEFA-Chef Michel Platini, der sogar die Unterstützung der Europäischen Union zur konsequenten Durchsetzung des `FFP´ fordert, ist man bei Rummenigge doch schnell wieder beim Glauben an das Gute im Menschen: “Ich bin jemand, der auf Überzeugung setzt. Wir müssen eine Gemeinschaft bilden. Wir sitzen alle in einem Boot und sollten gemeinsam rudern – zum Wohle des Fußballs”, so sein Kredo. Zwar weiß Rummenigge um die Notwendigkeit eines veränderten Verhaltens von Oligarchen und Scheichs, aber glaubt er tatsächlich, deren millionenschwere Investitionen in diverse europäische Klubs seien mit Überzeugungsarbeit zu verhindern? Die UEFA ist diesbezüglich klar einer anderen Meinung: Sie setzt auf eine besonders strenge Überwachung des `FFP´ bei Vereinen, die von eben diesen reichen Mäzenen finanziert werden.

Womit wieder Katar ins Spiel kommt. Dessen Touristenwerbebüro überwies jährlich 200 Millionen Euro an Paris St. Germain (zum Vergleich: 10-mal mehr als vergleichbare Sponsorenverträge des FC Bayern München), woraus die entsprechende Geldstrafe für den Pariser Titelträger resultierte. Eine recht milde Strafe angesichts des finanzstarken Investors im Hintergrund. Ein Wettbewerbsausschluss hätte dem Image der Franzosen wohl wesentlich mehr geschadet. Ob die Milde der Sanktionen womöglich damit zusammenhängt, dass der französische Hauptstadtverein Qatar Investment gehört – und dessen Rechtsanwalt kein geringerer ist als Laurent Platini, Sohn des UEFA-Präsidenten? Eine tolle Sache, dieses (Financial) Fairplay im Fußball. Oder sieht bei der UEFA eben doch nicht alles völlig anders aus?
goal.com/de, spiegel.de (1), spiegel.de (2), handelsblatt.com

Dabei kann Fairplay so einfach sein

Das beweisen ausgerechnet diejenigen, die gerade erst frisch im Fußballzirkus mitmischen. Die Herren Blatter, Platini & Co. sollten sich dringend ein Beispiel nehmen an den G- und F-Jugendfußballer_innen, die schon im Alter von vier bis acht Jahren im und durch den Fußball lernen und umsetzen, was Fairplay bedeutet. Wie? Durch die seit dieser Saison in vielen Bundesverbänden als Pilotprojekt eingeführte `Fair-Play-Liga´, die den jüngsten Fußballern und Fußballerinnen ein hohes Maß an Eigenverantwortung auf dem Fußballplatz abverlangt.

Im Gegensatz zum Spielbetrieb von FIFA und UEFA gibt es nämlich keinen Schiedsrichter, der auf die Einhaltung der Fußballregeln auf dem Rasen achtet. Die Kinder alleine entscheiden im Plenum, ob der Ball im Toraus war oder ein Tackling unfair. Ebenso wenig gibt es pöbelnde Trainer und Trainerinnen oder Eltern, die sich am Spielfeldrand verbale Schlagabtäusche liefern. Also jene Eltern, deren sportlicher Ehrgeiz größer ist als der ihrer Sprösslinge, gibt es natürlich auch in der `Fair-Play-Liga´ – allerdings wird ihre Stimmgewalt dadurch gedämpft, dass sie mindestens fünfzehn Meter Abstand vom Spielfeldrand halten müssen, während ihr Nachwuchs dem Ball hinterherjagt. Die Trainer_innen dürfen sich ebenfalls nur innerhalb einer abgegrenzten Coaching-Zone bewegen und agieren nicht gegeneinander, sondern als Team, falls die Kinder doch einmal Hilfe bei einer Entscheidung benötigen.

Ziel der Einführung der `Fair-Play-Liga´ war nicht nur, den Kindern den Fair-Play-Gedanken näherzubringen und für das spätere (Fußballer)Leben zu festigen. Ebenso wendet sich das Konzept an die Eltern der jungen Sportler_innen, die leider zu oft vergessen, dass es bei Kindern immer vorrangig um den Spaß am Spiel gehen sollte und nicht um Leistungsdruck. Obwohl die Resonanz auf die `Fair-Play-Liga´ seit deren Start weitestgehend positiv war, werden inzwischen auch kritische Stimmen laut, die fordern, „den Kindern den Schiedsrichter zurückzugeben“.

Argumentation dabei ist, dass bereits Spiele abgebrochen werden mussten, da sich die Spieler_innen der gegnerischen Teams heftige Auseinandersetzungen lieferten und sich dabei diejenigen am Ende durchsetzten, die lauter schreien konnten. Was ja doch wieder ein wenig an Blatter, Platini & Co. erinnert…
spiegel.de, hfv-online.de, dfb.de, augsburger-allgemeine.de

Sie wollen doch nur spielen

…Fußball spielen. Für viele Asylanten, die in deutschen Flüchtlingsheimen einen tristen Alltag mit vielen Entbehrungen führen, bedeutet das Treten gegen den Ball einige Stunden Vergessen – Vergessen traumatischer Bilder aus der Vergangenheit, Vergessen der Sorgen um eine ungewisse Zukunft. Aber das Fußballspielen im Verein hilft den Flüchtlingen auch dabei, Kontakte zu knüpfen – zumindest theoretisch, denn momentan werden ihnen noch jede Menge (bürokratischer) Hürden in den Weg gestellt. Aufsehen erregt hat etwa der Fall eines syrischen Flüchtlingsjungen, der in einem kleinen Verein in Rheinland-Pfalz mitkicken wollte, im Oktober aber bereits vier Monate lang auf seinen Spielerpass gewartet hatte.

Grund war die DFB-Bürokratie: Es sollte sichergestellt werden, dass der Junge nicht in einem syrischen Verein gemeldet ist, ebenso wurde die Einverständniserklärung seiner Eltern für die Vereinsmitgliedschaft eingefordert. Problematisch – und absurd, wenn man erstens bedenkt, dass der Junge aus einem vom Bürgerkrieg zerstörten Land und zweitens ohne Eltern nach Deutschland gekommen war. Allerdings ist nicht einmal die deutsche Bürokratie das größte Hindernis für die Asylanten. Vielmehr stoßen diese auf mangelnde Akzeptanz bei so manchem Vereinsmitglied, kaum vorhandene Sprachkenntnisse erschweren die Integration zusätzlich. Ganz zu schweigen von praktischen Problemen wie das Fehlen eines Versicherungsschutzes und finanzieller Mittel, Grundvoraussetzungen für eine Vereinsmitgliedschaft.

Die Frage nach der Notwendigkeit eines Flüchtlings-Sport-Kongresses, wie er im Oktober in Berlin stattfand, stellt sich deshalb bestimmt nicht. Eher jene, in wie weit die Diskussionen und Workshops der Veranstaltung tatsächlich Früchte tragen und konsequent in die Tat umgesetzt werden. Und genau das muss passieren. Denn Fußball ist so viel mehr als Sport und man muss seine Kraft nutzen. Das hat auch Grünen-Politikerin Claudia Roth erkannt: Sie bezeichnete Fußball unlängst als Grundnahrungsmittel. Und als dieses darf er niemandem verwehrt werden.
taz.de, rbb-online.de, zdfsport.de, championsohnegrenzen.de