Freistoßspray und Angst vor schwulen Männern.
Medienlese - © Neftali
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Medienlese vom 14. Oktober 2014

Top-Themen heute: Von Friedensstiftern, Schaumschlägern und der Angst vor küssenden Männern.

Friedensstifter oder Schaumschläger? Nun steht es also fest: Das umstrittene Freistoßspray findet seinen Weg in die Fußball-Bundesliga. Am 18.10., dem achten Spieltag, soll der weiße Schaum die Schiedsrichter erstmals dabei unterstützen, den Spielern die Freistoß-Regeln ins Gedächtnis zu rufen. Lange wurden Debatten über die potentielle Gesundheits- und Umweltgefährdung geführt, die laut TÜV Rheinland von dem seit der WM auf internationaler Ebene eingesetzten Spray ausgehen.

Aller Diskussionen zum Trotz bestellte der DFB 5.000 Dosen des in brasilianisch-argentinischer Kooperation entwickelten Sprays, fünfzehn Dosen wurden an jeden Unparteiischen verteilt – praktische Anweisungen inklusive.

Heine Allemagne, einer der beiden Freistoßspray-Entwickler, kann die Kritik an der wie Rasierschaum anmutenden Schiri-Hilfe sowieso nicht nachvollziehen und sieht sich einer Sabotage des TÜV ausgesetzt. Sein Sohn heiße Matheus (nach Lothar Matthäus, Anm. der Red.) und er trage Deutschland in seinem Namen – wieso solle er also so verrückt sein und etwas Schädliches produzieren?

Im Gegenteil: In Allemagnes Augen ist das Spray quasi ein Friedensstifter: Schließlich hätte er sich auch mit dem Argentinier Pablo Silva bekriegen können, statt sich zu einer Zusammenarbeit mit dem Erfinder zu entschließen. So gesehen erscheinen die vielen Diskussionen um den weißen Schaum völlig vermessen und unangebracht. Am kommenden 8 Spieltag wird Allemagnes umstrittenes Freistoßspray erstmals in der Fußball-Bundesliga eingestzt.
zeit.de, focus.de, faz.net, spiegel.de

Die unkontrollierte Machtübernahme küssender Männer. Kurz zusammengefasst ist es die schiere Angst vor dem Unbekannten, nicht Kontrollierbaren, die den Berliner Sportverein Türkiyemspor dazu bewogen hat, sein Freizeit-Team mitten in der Saison vom Spielbetrieb abmelden zu wollen.

Grund: Die Spieler der Mannschaft tragen das Emblem des LSVD (Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, Anm. der Red.) auf der Brust. Absurd, könnte man meinen – galt die seit 2006 bestehende Kooperation zwischen dem türkischstämmigen Verein und dem LSVD doch als einmaliges Vorzeigeprojekt in Deutschland. Dieses Projekt scheint nun der Vergangenheit anzugehören.

Der Geschäftsführer des LSVD Berlin-Brandenburg, Jörg Steinert, zog die Konsequenzen aus dem Vorfall und erklärte seinen Rücktritt aus dem Aufsichtsrat des Sportvereins. In einem aktuellen Interview vergangene Woche verwies er, dass der geplante Entzug der Spiellizenz nur die Spitze homophober Äußerungen und Handlungen seit letztjähriger Neubildung von Aufsichtsrat und Vorstand sei.

So spricht beispielsweise Vorstandsmitglied Bülent Gündogdu von der Angst davor, der LSVD würde unkontrolliert Macht im Verein übernehmen. Zudem gäbe es Menschen, die Angst haben, dass sie oder ihre Kinder in der Kabine oder unter der Dusche küssende Männer sehen. Wasser auf die Mühlen: Beim letzten Heimspiel des vom LSVD gesponserten Teams stand nur das Gebüsch als Umkleidemöglichkeit zur Verfügung.

Allein aufgrund der finanziellen Misere des Vereins wurde die Abmeldung der Mannschaft bisher abgewendet. Schließlich hätte das den Verlust von 37 zahlenden Mitgliedern bedeutet und den Insolvenzverwalter des hochverschuldeten Klubs auf den Plan gerufen. Dass diesem daraufhin Kompetenzüberschreitung vom Vorstand vorgeworfen wurde, verwundert nicht weiter. Ebenso das Statement des als „Dönerkönig“ bekannten Unternehmers Remzi Kaplan (weiteres Vorstandsmitglied von Türkyiemspor): „Jeder, der will, kann schwul oder lesbisch sein, aber wir reden hier vom Sport, von Fußball. Im Sport muss man das klar trennen“. Die Liste ähnlicher homophober Aussagen ist lang, der Rücktritt Steinerts und die Beendigung der Zusammenarbeit mit Türkyiemspor dementsprechend konsequent.

Den Fehler, nun pauschale Vorwürfe gegen alle Vereinsmitglieder zu erheben, sollte man allerdings nicht machen. Viele Spieler sprechen von einem herzlichen Verhältnis zwischen allen Teams, auch mit dem vom LSVD unterstützten. Das Verhalten des Vorstands war und ist nicht konform mit dem eines Großteils der Mitglieder. Das zeigt die Durchführung vielfältiger Vereinsaktionen gegen Homophobie. „Das war keine Fassade, das wurde tatsächlich gelebt.“
transparent-magazin.de, siegessaeule.de, tagesspiegel.de, taz.de